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Von Uster nach Budapest

16. April 2026 Kommentar schreiben

Ein Gedenkanlass im Zürcher Oberland und ein Wahltag 1000 Kilometer östlich: Das vergangene Wochenende schenkte mir zwei Mutmacher – einen klein- und einen grossformatigen.

In Uster durfte ich am Freitagabend am Gedenkanlass für Elsbetha Bünzli teilnehmen. Der jungen Frau wurde vor 350 Jahren vorgeworfen, sie sei eine Hexe. Sie wurde gefoltert und hingerichtet. Die Ermordung von Elsbetha Bünzli war einer von rund 80 Hexenmorden auf Zürcher Hoheitsgebiet.

Auch wenn uns Heutige keine Schuld am Schicksal von Elsbetha Bünzli trifft: Es ist unsere Verantwortung, die Schatten der Vergangenheit anzuerkennen und aus ihnen zu lernen. Gewiss: Wir leben heute in einer Gesellschaft, die sich grossmehrheitlich zu Werten wie Freiheit, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit bekennt. Das ist ein gewaltiger Fortschritt. Und doch zeigt sich bis in die Gegenwart, wie verletzlich diese Werte sind.

Elsbetha Bünzli war eine Aussenseiterin, die sich nicht nach den Normen und Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft verhalten hatte. Es sind ganz besonders solche Mitmenschen, die uns, unsere Toleranz und Liberalität auf die Probe stellen – bis heute. Erstens, weil Aussenseiter die «Normal»-Gesellschaft irritieren und überfordern. Zweitens aber auch, weil sie der «Mainstream»-Gesellschaft nützliche Dienste leisten: Aussenseiterinnen ermöglichen es der Mehrheitsgesellschaft, sich vom «Nicht-Normalen» abzugrenzen und sich so im eigenen «Normal-Sein» zu bestärken.

Bis in die Gegenwart

Dass Menschen, die von der Norm abweichen, gedemütigt, drangsaliert, stigmatisiert, diskriminiert und (physisch und psychisch) schwer, manchmal tödlich verletzt werden: Das war folglich nicht nur im Mittelalter so. Das geschah und geschieht bis in die Gegenwart: Ich denke an den Umgang mit der jenischen Bevölkerung bei uns in der Schweiz. Ich denke an die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die bis 1981 verbreitet waren. Ich denke an den Umgang mit Homosexuellen oder mit Kommunistinnen, ob vermeintlichen oder tatsächlichen, während des Kalten Krieges.

Dass wir in den letzten Jahrzehnten bezüglich Gleichstellung, Vielfalt und Teilhabe vieles verbessern konnten, ist deshalb ein grosser Fortschritt. Es ist unschätzbar wichtig, dass wir als Gesellschaft Vielfalt zulassen und mit ihr umgehen können – auch dann, wenn sie uns irritiert.

Allerdings leben wir in einer Gegenwart, in der Diversität für viele Menschen zu einem Triggerwort geworden ist. Nicht wenige würden lieber heute als morgen das Rad zurückdrehen. In vielen Ländern legen jene politischen Kräfte zu, die das Rad-Zurückdrehen zu ihrem programmatischen Schlüsselanliegen erkoren haben. Ich denke – um nur das prominenteste Beispiel zu erwähnen – an die USA, wo der Präsident und seine Lautsprecher ein patriarchal-traditionalistisches Menschenbild vertreten und damit auf beträchtliche Resonanz stossen.

Das ist schlimm und beelendend und frustrierend. Doch gerade deshalb war das vergangene Wochenende so ermutigend: Der Gedenkanlass für Elsbetha Bünzli in Uster rief ein historisches Verbrechen ins Bewusstsein und trug so dazu bei, unsere Sensibilität für Toleranz und Diversität zu schärfen. Der Anlass war ein Mutmacher im Lokalformat.

Ein emanzipatorischer Akt

Zwei Tage nach dem Anlass in Uster folgte dann der Mutmacher im Grossformat: Die Wahlen in Ungarn waren eine starke Demonstration gegen eine antiliberale Polit-Elite, deren Denken und Handeln auf Ausgrenzung, Sündenbockrhetorik, nationalistischer Selbstüberhöhung und einem reaktionären, anti-diversen Werte-Kanon aufbaut. Um nur ganz wenige Beispiele zu erwähnen: LGBTQ-Anlässe wie die «Budapest Pride» waren unter Orban verboten. Die Medienfreiheit war stark eingeschränkt, die Wissenschaftsfreiheit ebenso.

Die Bevölkerung hat mit diesen Wahlen ein klares Mandat erteilt. Sie will einen Wandel. Und zwar einen echten Wandel: Sie will eine klare Europa-Orientierung. Und sie will einen Ministerpräsidenten, der liefert, was er versprochen hat. Dazu gehören neben der Wiederherstellung der modernen Freiheitsrechte und einem starken, wirksamen Minderheitenschutz auch der Kampf gegen die Korruption, die Stärkung der Kaufkraft und der freie Zugang zu Bildung. Dass sich die Bevölkerung von einer desaströsen politischen Unkultur befreit hat, ist ein beachtlicher emanzipatorischer Akt. Die Demokratie hat damit eindrücklich gezeigt, zu welch reformatorischer Kraft sie in der Lage ist. 

«Demokratien können sich selbst heilen», hat der «Spiegel» am Tag nach den Wahlen in Ungarn getitelt. Und dazu geschrieben: «In einer Welt, die dringend gute Nachrichten braucht, ist das eine der besten.»

Bild: Zeitenwende in Ungarn – die Bevölkerung hat in aller Deutlichkeit für den Wandel gestimmt.

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