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jacqueline-fehr.blog - Blog von Jacqueline Fehr

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Reden und reden lassen

17. März 2021 1 Kommentar

Wie trägt man politische Auseinandersetzungen aus? Idealerweise mit Grosszügigkeit, Toleranz und Intelligenz. Eine Zeitung zeigte jüngst, wie das geht.

Am Wochenende habe ich in der «NZZ am Sonntag» einen Artikel gelesen, der mich beeindruckt hat: ein Streitgespräch zwischen einer 30-jährigen Frau und einem 69-jährigen Mann, zwischen der Autorin und Politaktivistin Anna Rosenwasser und Martin Meyer, dem langjährigen Feuilleton-Chef der NZZ.

Themen des Gesprächs: die Macht der Sprache, der Umgang mit missliebigen Meinungen, das Wesen des politischen Streits.

Für alle, die den Text noch nicht gelesen haben: Nachlesen lohnt sich!

Erstens schlicht, weil das Lesen Freude macht – das Gespräch ist nicht nur klug, sondern auch unterhaltsam.

Zweitens, weil die beiden vormachen, wie man öffentliche Auseinandersetzungen führt. «Wir brauchen eine gute Streitkultur mit Toleranz und Intelligenz – wobei Toleranz ja auch eine Form von Intelligenz ist», sagt Martin Meyer. Das Gespräch zwischen den beiden ist sozusagen die Konkretisierung dieser Aussage.

Drittens, weil die beiden über Themen sprechen, die uns beschäftigen müssen. Es geht im Kern um die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft miteinander umgehen. Um diese Frage geht es auch, wenn Anna Rosenwasser beschreibt, wie in der politischen Auseinandersetzung Anliegen oder Kritik einfach und wirkungsvoll disqualifiziert würden: Indem man sage, dass die Kritik «auf unangebrachte Art und Weise» hervorgebracht worden sei. Auffällig sei, dass besonders oft Anliegen, die von jungen Frauen kämen, so abgewürgt würden.

«Mit Anstand bitte!»

Tatsächlich machen junge Frauen diese Erfahrung besonders häufig – aber sie machen sie nicht exklusiv.

«Wir haben ja nichts dagegen, dass Ihr Euch äussert – aber doch nicht so! Mit Anstand bitte!»

Der Satz dürfte all jenen bekannt vorkommen, die sich politisch engagieren – aber nicht in der vertrauten Form, nicht so, wie «man» das schon immer gemacht hat. Der Satz ist die Standardrüge der Etablierten an jene, die sich um die Konventionen und Rituale der Traditionspolitik scheren und Rollen neu interpretieren.

Neben jungen Frauen handelt es sich bei den Gerügten oftmals generell um Junge und um Frauen, ausserdem um Unkonventionelle, Kreative, Neugierige und Ruhestörerinnen. Sie alle stehen im Ruf der Flegelhaftigkeit: früher die 68er, die 80er, die Frauenbefreiungs-, Friedens- oder die Ökobewegung, heute die BLM-Bewegung, der Frauenstreik, die Klimajugend und so weiter.

Der Paternalismus der Etablierten

Immer wenn eine Bewegung mit einer neuen Sprache, neuen Protestformen, einer neuen Ästhetik auftritt, reagiert das Establishment als erstes mit Paternalismus. Also mit einer Mischung aus betonter Grosszügigkeit («schon ok, wenn Ihr den Mund aufmacht; wir sind ja Demokraten») und pädagogischem Mahnfingerpathos («aber benehmt Euch!»).

Das ist auch nicht überraschend: Erstens will die etablierte Politik, dass weiterhin nach ihren Spielregeln gespielt wird – dass sie die Hoheit behält über die Agenda und über die Deutung, was relevant ist und was nicht. Zweitens – wie es Anna Rosenwasser gesagt hat – ist das Mäkeln an der Form, wie ein Anliegen transportiert wird, ein patenter Weg, um auch das Anliegen selbst in ein schlechtes Licht zu rücken.

Redlicherweise muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass es das Phänomen auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums gibt. Jahrelang fokussierte die Kritik an der SVP auf deren Stil – wohl auch und nicht zuletzt in der Hoffnung, auf diesem Weg würden sich die inhaltlichen Anliegen der Partei diskreditieren lassen, ohne dass man sich ernsthaft damit auseinandersetzen musste.

Mehr Utopien, mehr Visionen!

Nun ist es erfahrungsgemäss so, dass – à la longue – die Disziplinierungsbemühungen des Establishments nicht zu verhindern vermögen, dass sich Neues und Unkonventionelles Gehör verschafft. Kurzfristig wirken solche Bemühungen aber blockierend und bremsend. Sie sind das Gegenteil einer Einladung zur politischen Beteiligung.

Genau dies – die Förderung der Teilhabe – ist aber ein Legislaturziel der Zürcher Regierung und ebenso ein zentrales Anliegen von mir selber. Es ist mein Wille und mein Ziel, dass sich mehr Menschen an unserem gesellschaftlichen und politischen Leben beteiligen können und beteiligen wollen. Mein Engagement für das Stimmrechtsalter 16 gehört genau so in diesen Kontext wie das Ziel, mehr Frauen zum politischen Engagement zu motivieren.

Ein ernsthaftes Bemühen um eine bessere und breitere Teilhabe setzt voraus, dass wir uns auf eine politische Kultur einlassen, in der sich alle wiedererkennen. Das darf dann eben keine politische Kultur sein, in der die Etablierten die Spiel- und die Benimmregeln festlegen. Es soll freilich auch keine Kultur sein, in der sich Gruppierungen Gehör verschaffen, indem sie den politischen Gegner verunglimpfen, beleidigen oder mundtot zu machen versuchen.

Vielmehr brauchen wir eine Kultur des Zuhörens, des Voneinander-lernen-Wollens und der eingangs erwähnten intelligenten Toleranz. Dazu braucht es Grosszügigkeit in allen politischen Lagern: die Bereitschaft zum Reden und Reden-Lassen. Das mag utopisch klingen, doch stört mich das nicht. Anders als jene, die Menschen mit Visionen als Fall für den Psychiater betrachten, bin ich der Meinung: Wir brauchen nicht weniger Utopien und Visionen, sondern mehr.

Foto: Wer anders politisiert als in der gewohnten, traditionellen Form, hat die Rüge des Establishments auf sicher – junge Frauen sind davon besonders oft betroffen. (Bild Pixabay)

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Kategorie: Blog Tags: Push

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Trackbacks

  1. Stimmrechtsalter 16 – learning by doing | Blog von Jacqueline Fehr sagt:
    6. Oktober 2021 um 10:08 Uhr

    […] Demokratie ist umso besser, je mehr Menschen an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen. Eine breite Teilhabe ist […]

    Antworten

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