Warum gehen trotz grosser Bemühungen die Fälle von häuslicher Gewalt nicht zurück? Um diese Frage zu diskutieren, lud meine Direktion Fachleute zu einer grossen Tagung nach Zürich. Meine Antwort: Weil wir noch nicht zum Kern des Problems vorgedrungen sind – zu den patriarchalen Haltungen in unserer Gesellschaft.
«Und bist du nicht willig…»: So lautete der Titel einer Tagung, die meine Direktion letzte Woche im Volkshaus Zürich durchführte. Ihr Thema war häusliche, sexualisierte und geschlechterspezifische Gewalt gegen Frauen im Kontext von Männlichkeitsnormen und Migration.
In meinen Ausführungen, die ich zu Beginn der Tagung an die rund 200 Teilnehmenden richtete, ging ich von einer Frage aus, die mir kürzlich zwei Journalistinnen gestellt hatten: «Es gibt Roadmaps, Legislaturziele und Massnahmen auf allen staatlichen Ebenen. Es gibt parlamentarische Vorstösse und Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Und doch nimmt die Gewalt gegen Frauen nicht ab. Warum?»
Natürlich stellen sich auch unsere Fachleute diese Frage, und ich stelle sie mir ebenso. Ich möchte meine Gedanken, mit denen ich an der Tagung diese entscheidende Frage zu beantworten versuchte, hier kurz nachzeichnen.
Richtung und wichtig, aber…
In der Kurzfassung lautet meine Antwort: Die Gewalt gegen Frauen nimmt nicht ab, weil unsere Massnahmen und Bestrebungen zwar alle richtig und wichtig sind – aber nicht zum Kern des Problems vordringen. Nämlich zu den patriarchalen Strukturen und Haltungen innerhalb unserer Gesellschaft.
Natürlich bin ich mir bewusst: Nicht jeder Täter tötet aus einem patriarchalen Antrieb, also aus einem Dominanz- und Unterwerfungsmotiv. Es gibt auch psychisch kranke Täter, und es gibt sozioökonomische Faktoren.
Doch weder mit psychischen Krankheiten noch mit Bildungs- und Einkommensunterschieden können wir die hundert- und tausendfache Gewalt gegen Frauen erklären. Genauso wenig greift die Herkunft als alleinige Erklärung – doch dazu komme ich später.
Verbreitete Überlegenheitsvorstellung
Restriktiv-dominante Männlichkeitsvorstellungen – also die Überzeugung, der Mann sei der Frau überlegen und Gleichstellung eine schädliche Modeerscheinung – sind weit verbreitet. Nicht nur global, sondern auch in der Schweiz. Die unlängst erschienene Studie «Männlichkeit im Wandel» der Universität Zürich in Kooperation mit männer.ch liefert dazu, basierend auf einer repräsentativen Befragung von 6000 Personen, klare Fakten.
Die Untersuchung zeigt: Jeder zweite junge Mann in der Schweiz ist besorgt darüber, dass «richtige Männer» an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden. Jeder fünfte Schweizer vertritt im engeren Sinn restriktiv-dominante Vorstellungen von Männlichkeit.
Auffällig ist dabei, dass solche Vorstellungen unter jungen Männern der Generation Z deutlich verbreiteter sind als in der Generation ihrer Väter. Unter den 18- bis 24-Jährigen unterstützen 31 Prozent diskriminierende Einstellungen.
Gewalt als legitimes Mittel
Mit anderen Worten: Eine stattliche Zahl junger Männer vertritt althergebrachte, patriarchale Haltungen. Sie sind der Ansicht, sie stünden über ihren Partnerinnen und seien berechtigt, diesen zu sagen, was sie zu tun und wie sie zu leben hätten.
In solchen Konstellationen führen Konflikte rasch zur Eskalation. Denn für viele Männer, die solche Haltungen vertreten, ist Gewalt ein legitimes Mittel, um ihre Autorität durchzusetzen.
Häusliche und sexualisierte Gewalt gegen Frauen hat eine sichtbare Seite: die erschreckend hohe Zahl der Femizide und die Hunderten von Frauen, die bei Angriffen schwere Verletzungen und lebenslange Beeinträchtigungen davontragen.
Zusätzlich verursacht Gewalt gegen Frauen enorme psychische Belastungen – von Angststörungen und Depressionen bis zur panischen Sorge um das Wohl der Kinder.
Ungleichheit als Wurzel
Doch Gewalt beginnt nicht erst mit einem Schlag ins Gesicht, einer Drohung, einer Abwertung oder Demütigung. Die Wurzel der Gewalt liegt in der Ungleichheit der Geschlechter, und diese Ideologie der Ungleichheit ist der Kern des Patriarchats.
Das ist die weniger sichtbare Seite.
Zu dieser Ideologie gehören einerseits ein Gesellschaftsmodell, das Frauen einen minderwertigen Platz zuweist, und andererseits ein Wirtschaftsmodell, in dem Frauen weniger Zeit, weniger Lohn und weniger Besitz haben.
Die Rolle der Herkunft
Damit komme ich zum Elefanten im Raum: zur Frage nach der Herkunft. Ist Gewalt gegen Frauen ein Ausländerproblem? Ist es ein Problem der jungen Männer aus dem Maghreb, aus Eritrea und dem Balkan? Ich sage Ja und ich sage Nein.
Ja, weil die Kriminalstatistik Hinweise für diese Behauptung liefert. Nein, weil wir mit dieser Behauptung keine Antwort auf die heftigsten Fälle der Gewalt finden.
Denn was haben der schreckliche Fall aus Binningen, die Fälle Epstein, Pélicot oder Ulmen und die unzähligen weniger bekannten, aber sehr ähnlich gelagerten Fälle mit dem Maghreb, Eritrea oder dem Balkan zu tun?
Deshalb noch einmal: Gewalt gegen Frauen ist ein Gleichstellungsproblem! Es ist massgeblich eine Folge patriarchaler Strukturen, Haltungen und Traditionen. Diese sind in der Gesellschaft unterschiedlich stark ausgeprägt. In der Gen Z sind sie, wie erwähnt, wieder präsenter. Und sie sind auch in manchen migrantischen Kreisen stärker verbreitet, wozu die oben erwähnten Regionen und einige mehr gehören.
In diesen Kreisen ist das Risiko für Frauen, Opfer von Gewalt zu werden, besonders hoch. Deshalb erscheinen nicht nur Ausländer als Täter in den Statistiken überproportional oft, auch Ausländerinnen sind als Opfer markant übervertreten.
Die Trennlinie ist die patriarchale Haltung
Trotzdem ist es falsch, Gewalt gegen Frauen auf ein Ausländerproblem zu reduzieren. Denn nicht das Ausländersein an sich ist die Ursache dafür, dass jemand zum Täter wird. In ihrem Verhalten und der Anwendung von Gewalt unterscheiden sich patriarchal geprägte Ausländer kaum von patriarchal geprägten Schweizern. Sie unterscheiden sich hingegen stark von Ausländern und Schweizern mit einem aufgeschlossenen, modernen Gesellschaftsbild.
Das bedeutet: Die Trennlinie ist die patriarchale Haltung und nicht das Ausländersein.
Und es sind alternativ die psychischen Erkrankungen und die sozioökonomischen Ressourcen – und nicht das Ausländersein.
Diese Trennlinien konsequent zu benennen, insbesondere jene der patriarchalen Haltung, gelingt in der öffentlichen Debatte noch zu wenig.
Patriarchale Gewaltanwendung erfolgt typischerweise in Krisenmomenten: Wenn die Vormachtstellung ins Wanken kommt, Risse im Selbstbild der Überlegenheit auftreten und sich Unsicherheiten breitmachen.
Was tun?
Damit sind wir bei der Männlichkeit – und zurück bei der Ausgangsfrage: Warum gibt es trotz grossen Engagements keinen signifikanten Rückgang der Gewalt? Und was müssen wir tun?
Die Antwort ist einfach, das Unterfangen jedoch schwierig: Wir müssen bei der Wurzel ansetzen. Wir brauchen ein neues Geschlechterverhältnis und neue Bilder von Männlichkeit.
Diese brauchen wir bei Schweizern genauso wie bei jungen Männern aus dem Maghreb, in Fussballclubs genauso wie in Zünften, bei Mister Normalo genauso wie beim auffälligen Teenager.
Die Debatte über patriarchale Haltungen ist so anspruchsvoll wie dringend. Wollen wir die dramatisch hohe Zahl von Übergriffen reduzieren, müssen wir uns darauf einlassen. Es gibt keine Alternative.
Vertiefende Workshops
Mit der Tagung wollten wir einen Beitrag zu dieser Debatte leisten. Dazu dienten auch die fünf Workshops, die am Nachmittag stattfanden und Themen wie «Junge Männer im Sog der Manosphere» oder «Männlichkeitssensible Gewaltprävention im schulischen Kontext». Die Workshops boten inhaltliche Vertiefung und konkrete Anschauung.
Im Manosphere-Workshop analysierten die Teilnehmenden TikTok-Videos einschlägiger Influencer. Es ist beeindruckend, wie raffiniert diese radikale mit populären Botschaften vermischen. Wenn Influencer den Wert der Selbstverantwortung betonen und propagieren, ein «richtiger» Mann sorge für seine Angehörigen, macht das die Videos breit anschlussfähig – und popularisiert damit unbemerkt deren radikalen Inhalte.
Der Workshop zum schulischen Kontext unterstrich die Notwendigkeit, junge Männer zu stärken. Die Schule habe eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung von Männlichkeitsbildern, stehe aber in Konkurrenz zu anderen Einflusssphären. Umso wichtiger sei es, dass die Schulen aktiv mit den Jungs an diesen Themen arbeiten würden.
Eine gemeinsame Sprache finden
Warum haben wir diese Tagung organisiert? Es geht darum, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, Forschung und Praxis enger zusammenzubringen und ehrlich zu benennen, wo noch Lücken bestehen.
Beim Schutz von Betroffenen haben wir viel erreicht. Doch wollen wir Gewalt nachhaltig verhindern, müssen wir uns stärker mit deren Ursachen, eben den patriarchalen Männlichkeitsnormen, beschäftigen.
Diese drücken sich je nach sozialem oder kulturellem Umfeld unterschiedlich aus, weshalb wir genau hinschauen müssen.
Eigene Leerstellen erkennen
Ich nehme drei Aufträge aus dieser Tagung mit.
Erstens: Wir brauchen mehr Wissen. Forschung und Praxis müssen noch enger zusammenarbeiten.
Zweitens: Wir müssen die öffentliche Debatte mitprägen. Wer Gewalt gegen Frauen verhindern will, muss über patriarchale Männlichkeitsbilder sprechen.
Drittens: Alle in diesem Bereich Tätigen müssen eigene Leerstellen erkennen. Im Spannungsfeld von Männlichkeitsnormen, Migration und Gewalt dürfen wir weder vorschnell kulturelle Erklärungen liefern noch erkennbare Zusammenhänge ausblenden.
Für all das brauchen wir Zusammenarbeit und eine gemeinsame Sprache. Jeder gesellschaftliche Wandel beginnt damit, dass Menschen bereit sind, die richtigen Fragen zu stellen.
An der Tagung haben wir Fragen geschärft, Partnerschaften gestärkt und damit einen Anfang gemacht.
Sehr gefreut hat mich, dass uns dabei auch Bundesrat Beat Jans unterstützt hat. Er hat die Tagung mit einem starken, berührenden und motivierenden Grusswort bereichert.
Grussbotschaft von Bundesrat Beat Jans anlässlich der Fachtagung «Häusliche, sexualisierte und geschlechterspezifische Gewalt gegen Frauen im Kontext von Männlichkeitsnormen und Migration» vom 25. Juni 2026
Titelbild: Wollen wir häusliche Gewalt wirksam bekämpfen, müssen wir bei der Ursache ansetzen – bei der Ideologie der Ungleichheit.

Sehr erfreulich und nötig, Diskussionen wie an dieser Tagung. Wir müssen aber darüber hinaus auch über die generell tiefe Verankerung der Gewalt in unserer Gesellschaft reden. Gewalt in der Erziehung, Gewalt in der Arbeitswelt, Gewalt im Verhalten im Verkehr usw. Die patriarchale Prägung ist eine zentrale Ursache, aber die Gewalt hat noch andere Wurzeln, unser Wirtschaftssystem z.b. beruht auf Prinzipien, die die Ausübung von Gewalt mit Geld und die Elimination schwächerer Marktteilnehmer belohnt. Das prägt auch.
Hervorragende Analyse. Das Patriarchat und die von ihm ausgehende Gewalt sind systemisch und strukturell bedingt. Wie die Forscherin Laura Bates gezeigt hat, verstärkt künstliche Intelligenz – insbesondere bei jungen Männern – die allgemeine Gewalt in rasantem Tempo und auf brutale Weise. Ein Teenager, der ein Konto bei Tim Tom eröffnet, erhält im Durchschnitt nach 23 Minuten frauenfeindliche und gegen Frauen gerichtete Inhalte! Die Normalisierung dieser geschlechtsspezifischen Gewalt wird rund um die Uhr und allgegenwärtig durch Echtzeit-Algorithmen vorangetrieben. https://www.wired.com/story/is-ai-the-new-frontier-of-female-oppression/?utm_campaign=aud-dev&utm_brand=wired&utm_social-type=owned&utm_source=linkedin&utm_medium=social