Winterthur erinnert mit dem neuen Villaggio-Weg an ein unrühmliches Kapitel Vergangenheit: an die Zeit der Saisonniers. Es ist gut, wenn wir uns dieses Kapitel vergegenwärtigen – denn es ist hochaktuell: Mit ihrer «10-Millionen-Initiative» geht es der SVP im Kern darum, das Saisonnierstatut wiederzubeleben. Das wäre nicht nur unmenschlich. Es wäre auch dumm.
Kürzlich habe ich einen Social-Media-Post zur Einweihung des Villaggio-Wegs im Winterthurer Eulachpark publiziert. Der Weg und sein Name erinnern an die fünf Holzbaracken, die einst hier standen – als Unterkunft für die bei der Firma Sulzer tätigen «Fremdarbeiter».
Der Weg ist Sinnbild eines dunklen Kapitels der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Mit dem so genannten Saisonnierstatut war es Schweizer Firmen ab den 1930er-Jahren möglich, ihren Personalbedarf mit Saisonniers zu decken – das heisst: mit «Fremdarbeitern» aus Italien, später auch aus Spanien, Portugal, der Türkei oder dem Balkan, die praktisch ohne Rechte und unter prekären Umständen während neun Monaten pro Jahr hier arbeiten durften.
Zerrissene Familien
Das Saisonnierkonzept war nicht nur diskriminierend. Es war unmenschlich: Erstens, weil es die ausländischen Arbeitnehmenden schutzlos ihren Arbeitgebern auslieferte.
Zweitens, weil der Familiennachzug zuerst gar nicht und später nur unter restriktiven Bedingungen möglich war. Damit riss das Statut aktiv Familien auseinander – Partnerinnen und Kinder blieben in der Heimat, während die Väter weit von zu Hause entfernt auf unseren Baustellen arbeiteten. Untergebracht wurden sie in bescheidenen Unterkünften, oft in der Nähe der Baustellen. In der Stadt Zürich zeugen die 1965 errichteten Junggesellenheime am Kohlendreieck von dieser Geschichte.
Als Alternative blieb ausländischen Arbeitnehmenden nur der Weg in die Illegalität – und diesen wählten nicht wenige «Fremdarbeiter»-Familien: Sie reisten als ganze Familie in die Schweiz ein – und versteckten dann die Kinder zu Hause, währenddem die Eltern arbeiten gingen. Erst heute wird dieses Kapitel historisch aufgearbeitet. Man rechnet damit, dass zwischen 1949 und 1975 bis zu 50’000 Saisonnier-Kinder mitunter während Monaten versteckt in Schweizer Wohnungen lebten.
Saisonnierstatut 2.0
Ich erinnerte nicht nur wegen des Villaggio-Wegs an das Saisonnierstatut. Das Bewusstsein für dieses Kapitel unserer Geschichte ist aus aktuellem Anlass besonders wichtig: Am 14. Juni stimmen wir über die «10-Millionen-Initiative» der SVP ab.
Bei dieser Vorlage geht es offiziell darum, die Bevölkerungszahl der Schweiz zu «deckeln». Inoffiziell haben die Initianten das Ziel, die Personenfreizügigkeit, die uns nicht nur wirtschaftlich hilft, sondern auch zur Abschaffung des Saisonnierstatuts und damit zu einer faireren Ausländer:innenpolitik geführt hat, wieder durch ein Kontingentssystem zu ersetzen.
Es ist offenbar das Kalkül der SVP, nach einem Ja zu ihrer «10-Millionen-Initative» das Saisonnierstatut 2.0 einzuführen. Geht es nach der SVP, sollen wie damals Arbeitnehmende zweiter Klasse – Ausländer:innen mit wenig Rechten und ohne Familien – ins Land geholt werden. Vor einigen Wochen hat eine Recherche von Watson dieses Ansinnen publik gemacht.
Menschenverachtend und dumm
Die neue Plakatserie der SVP, welche seit einigen Tagen in Zürich zu sehen ist, weist in die selbe Richtung. Da heisst es zum Beispiel: «Nur 1 von 10 Zuwanderern ist eine gesuchte Fachkraft.» Die Aussage ist erstens schlicht falsch. Gemäss Studien arbeiten «mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen, die dank der Personenfreizügigkeit in die Schweiz kamen, in Berufen mit sehr hohen Qualifikationsanforderungen», schreibt der Tages-Anzeiger.
Zweitens zählt die SVP bei ihrer Rechnung auch die Kinder mit, die mit einer zugewanderten Person mitgereist sind. Wer so rechnet und plakatiert, verbreitet eine unmissverständliche Botschaft: Wir wollen eine Zuwanderung, die allein aus Arbeitskräften besteht. Und keine Kinder und Familien. Oder eben: Wir wollen das Saisonnierregime zurück!
Das wäre erstens ein zivilisatorischer, menschenverachtender Rückfall. Und zweitens wäre es dumm: Wir haben in der Schweiz das ernsthafte Problem, dass wir zu wenig Geburten haben. Ein Demografieforscher sagte kürzlich in einem Interview im Blick: «Wir brauchen mehr Geburten, sonst sterben wir aus.»
Mit anderen Worten: Wir sollten froh und dankbar sein, wenn Zuwanderer ihre Kinder mitbringen und so dafür sorgen, dass junge Leute hier bei uns heimisch werden und unsere Gesellschaft – nicht nur, aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht – bereichern.
Foto: Hier wohnten die Saisonniers – eines der vier Junggesellenheime beim Kohlendreieck in der Stadt Zürich. (Quelle PD)

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