Diese Woche fand der «Tag des Lokaljournalismus» statt. Der Zustand der Lokalmedien ist fragil – und das macht mir Sorgen. Denn eine gute und kontinuierliche Lokalberichterstattung ist der Nährboden der Demokratie.
Beim «Tag des Lokaljournalismus» handle es sich um eine «länderübergreifende Initiative von Medienhäusern und Verlegerverbänden aus Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz», schreibt der Schweizer Verlegerverband auf seiner Website. Man wolle damit «die Bedeutung des Lokaljournalismus sichtbar machen».
Die Initiative ist so wichtig wie löblich, auch wenn mich die warmen Worte der Verleger ein bisschen irritieren.
Aber bleiben wir fürs Erste beim Hauptthema, nämlich bei der Bedeutung des Lokaljournalismus. Tatsächlich ist diese enorm.
Es mag Zufall sein, dass der Tag des Lokaljournalismus ausgerechnet in den Wochen stattfindet, in denen die Zürcherinnen und Zürcher ihre Vertreter:innen in den kommunalen Exekutiven und Legislativen wählen. Doch das Zusammentreffen der beiden Ereignisse hat Symbolkraft. Schliesslich ist der Lokaljournalismus nichts weniger als der Nährboden der Demokratie.
Studien mit klaren Aussagen
Dass zwischen lokalem Journalismus und lokaler Demokratie ein direkter Zusammenhang besteht, zeigen Untersuchungen aus dem In- und Ausland. Eine Studie der Universität Zürich dokumentiert, dass die Wahlbeteiligung umso höher ist, je mehr die Medien über die lokale Politik berichten und je breiter die lokalen Medien konsumiert werden. Das bedeute im Umkehrschluss: Je weniger die Menschen über das Geschehen in der lokalen Politik wissen, desto eher bleiben sie an Wahl- oder Abstimmungstagen zu Hause.
Auch eine Studie aus Bayern unterstreicht die Bedeutung lokaler Medien. Der Chef der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien sagt dazu: «Wo funktionierender Lokaljournalismus existiert, fühlen sich Akteure stärker verpflichtet, ihr Handeln zu erklären. Das ist demokratische Kontrolle. Umgekehrt steigt die Bereitschaft, sich in der Lokalpolitik zu engagieren, wenn Medien darüber berichten.»
Weniger Medien, kleinere Redaktionen
Für eine funktionierende Demokratie braucht es erstens informierte Stimmbürger:innen und zweitens Personen, die bereit sind, sich zur Wahl zu stellen und politische Verantwortung zu übernehmen. Beides setzt Medien voraus, die das lokale Geschehen aufgreifen und umfassend, transparent und unabhängig darüber berichten.
Soviel zur Bedeutung der lokalen Medien. In der Realität ist es allerdings so, dass sich der Lokaljournalismus in einer höchst schwierigen Situation befindet. Es gibt immer weniger Lokalzeitungen, sie gehen entweder ein oder in grösseren Zeitungsverbünden auf. Und die Medienhäuser beschäftigen immer weniger Journalist:innen. Mit dem Ergebnis, dass eine kontinuierliche, gründliche Berichterstattung kaum mehr möglich ist. Diese Entwicklung betrifft nicht nur den Lokaljournalismus, zeigt sich dort aber ganz besonders markant.
Als für den Medienbereich zuständige Direktion hat «meine» Direktion der Justiz und des Innern deshalb bei der Universität Zürich eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Entwicklungen in der medialen Versorgung im Kanton Zürich untersucht. Demnächst werden Resultate vorliegen.
Journalismus kostet
Das Grundproblem der Branche ist rasch benannt: Journalismus kostet, und es ist in den letzten Jahrzehnten immer schwieriger geworden, diesen zu finanzieren. Für lokale Medien ist die Situation besonders schwierig, weil ihre Reichweiten limitiert und ihre Märkte naturgemäss klein sind.
Als Vertreter:innen der öffentlichen Hand ist es unsere Aufgabe, die Situation zu verfolgen und zu prüfen, ob es staatliche Medienförderungsmassnahmen braucht. Verschiedene Kantone haben diese Frage in den letzten Monaten und Jahren für sich mit Ja beantwortet.
In erster Linie sind aber andere gefordert. Damit komme ich zurück zu den Verlegern und ihren schönen Worten zur Bedeutung des Lokaljournalismus. Leider ist es so, dass ich diesen Worten nicht wirklich traue. Wäre es den Verlegern ernst damit, müssten sie bereit sein, sich den Lokaljournalismus etwas kosten zu lassen. In der Realität ist es aber so, dass sich die Verlage in allererster Linie von Renditezielen steuern lassen.
Die Folgen sind im Kanton Zürich sicht- und spürbar: Die hier besonders präsente TX-Group – ihr Verleger ist Ehrenpräsident des angeblich so besorgten Verlegerverbands – hat ihre Lokalredaktionen und damit ihre lokaljournaliststischen Leistungen erheblich abgebaut .
«News Deserts» verhindern
Verleger:innen sind etwas anderes als Konservendosenfabrikant:innen. Verlage machen ihr Geld mit Journalismus, also mit einem essenziellen Bestandteil einer lebendigen Demokratie. Das führt dazu, dass Verleger:innen eine besondere staatspolitische Verantwortung haben.
Wohlgemerkt: Niemand erwartet, dass die Verleger:innen in Mäzenatenmanier den Lokaljournalismus aus dem eigenen Sack finanzieren. Aber vielleicht den Lokaltiteln eine etwas kleinere Rendite zubilligen? Vielleicht eine kleine Quersubvention aus einem hochrentablen Portal in ein etwas weniger rentables Lokalmedium zulassen?
Es wäre ein kleines Opfer für die Verlage, aber ein wichtiger Beitrag zu einer gesunden Gesellschaft.
In den USA gibt es über 200 so genannte «News Deserts» – Gebiete ohne jede lokal- oder regionalmediale Abdeckung. Solche Entwicklungen müssen wir bei uns unbedingt verhindern – und zwar in unserem ureigenen Interesse. Denn die mediale Verödung führt geradewegs in die demokratische Verödung und zu einer Wildwest-Kultur ohne Regeln und Anstand. Ohne aufmerksame Medien öffnen sich Tür und Tor für Vetternwirtschaft und Korruption. Und das kann niemand wollen.
Bild: Die Auswahl an Lokalzeitungen hat abgenommen (Quelle: PD)

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