Es ist ein spektakulärer Sieg, den die amerikanischen Demokraten bei den Zwischenwahlen erzielt haben. Es ist ein Sieg, dessen Wichtigkeit nicht überschätzt werden kann. Und das in verschiedenster Hinsicht. Nicht zuletzt ist er ein starkes Signal gegen die Männlichkeitsvorstellungen der Manosphere.
Man ist in der Politik vernünftigerweise vorsichtig mit der Verwendung von Grossbuchstaben und Superlativen. Allzu oft fallen sie einem auf die Füsse. Aber es gibt Momente, da kann man einfach nicht anders. Da braucht es für die grossen Gefühle grosse Worte. So zum Beispiel gerade jetzt: Mega toll, wie die Midterm-Wahlen in den USA ausgegangen sind. Ich bin sehr glücklich.
Ich bin sehr glücklich, weil die amerikanische Politik der letzten zwei Jahre eine einzige Katastrophe war – innen-, aussen-, sozial-, migrations-, klima-, kulturpolitisch, schlicht in jeder Hinsicht. Für eine Korrektur ist es allerhöchste Zeit.
Der Präsident und seine Getreuen überzogen das Land mit einer toxischen Politik der gesellschaftlichen Spaltung und des Hasses sowie der Abwertung und des Verächtlichmachens von Andersdenkenden.
Wie wohltuend ist es da, wenn der neue, junge Senator aus Texas, James Talarico, sich noch in der Wahlnacht an jene Texanerinnen und Texaner wendet, die ihn nicht gewählt haben und zu diesen sagt: «I will be your senator too.» Das Gemeinsame suchen statt das Trennende zelebrieren: Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste, ist in der amerikanischen Politik der letzten zwei Jahren zum Nischenprogramm geworden.
Divers und jung
A propos junger Senator – auch das macht mich glücklich: Die demokratische Partei hat ihren Sieg mit einem diversen Team von Kandidierenden erreicht. Unter den Gewählten sind viele junge bis sehr junge Menschen. Ihre biografischen Hintergründe zeigen die Vielfalt dieser bunten Nation. Das macht Hoffnung und stiftet Zuversicht für die Zukunft.
Und dann geht noch eine weitere sehr hoffnungsvolle Botschaft vom amerikanischen Wahlergebnis aus: Es ist auch ein lautes, nachdrückliches Stoppsignal an die Adresse der Manosphere.
Patriarchale, gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen konnten in den letzten Jahren ihre Anhängerschaft vervielfachen. Das war weltweit so und das war auch bei uns in der Schweiz so. Immer mehr junge Männer fühlten und fühlen sich angesprochen von Männlichkeitsvorstellungen, die auf Überlegenheit und Vorherrschaft aufbauen.
Die Kraft der «Role-Models»
Dass sich diese Vorstellungen derart rasch und stark verbreiten konnten, war auch ein Symptom der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Sie wären kaum auf so breite Resonanz gestossen, wenn nicht prominente «Role-Models» diese Normen vorgelebt und dadurch legitimiert und popularisiert hätten.
Trump war sicher eines der wichtigsten dieser Role-Models. Aber es gab und gibt weitere – zu diesen gehören in der politischen Sphäre Männer wie Aleksandar Vučić, Viktor Orbán, Flávio Bolsonaro…
Dass nicht nur Trump, sondern auch seine Geistesverwandten Niederlagen einstecken mussten, sind wichtige Lichtblicke in einer Zeit, die mit guten Nachrichten nicht gerade grosszügig ist.
Offensichtlich hat die Manosphere erheblich an Strahlkraft eingebüsst. In den drei Lehren, die der «Spiegel» aus den amerikanischen Zwischenwahlen zieht, heisst es unter Punkt zwei: «Der Vibeshift ist vorbei.» Die Erklärung dazu: «Als Trump 2024 zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, ging das mit einem sozialen Klimawandel einher. Die Nation rückte nicht nur politisch nach rechts, sondern auch kulturell. Die Manosphere wurde Mainstream. Männerpodcaster, Kampfsportler, Antifeministen bestimmten den Diskurs.» Indem Trump «ohne Rücksicht auf irgendwen oder irgendwas» geflucht und gehetzt habe, habe er vor allem bei jungen Männern punkten können.
Doch dieser so genannte «Vibeshift» sei nun überwunden, glaubt der «Spiegel». Inzwischen seien es die Linken, die Coolness und Vitalität ausstrahlen würden.
Es ist etwas in Bewegung geraten
Ob die Diagnose des «Spiegel» in dieser Absolutheit zutrifft, werden wir sehen. Beeindruckend ist jedenfalls eine Grafik, welche die «New York Times» zu ihrer Wahlberichterstattung gestellt hat. Ich finde sie so eindrücklich, dass ich mit ihr diesen Blog illustriere.
Die Grafik zeigt, dass die amerikanischen Demokraten im Vergleich zu den Wahlen von 2024 bei den 18- bis 29-jährigen Männern um 38 Prozent zulegen konnten. Das ist die grösste Verschiebung innerhalb der Wählerschaft. Es ist offensichtlich etwas in Bewegung geraten.
Diese Entwicklung freut mich umso mehr, als mich das Thema Manosphere auch in meiner eigenen Arbeit beschäftigt.
Das Tal ist durchschritten
Anfang dieser Woche trat ich zusammen mit Bundesrat Beat Jans an einer Fachtagung auf, die «männer.ch» organisiert hatte. Die Tagung richtete sich an Fachleute, die sich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Rollen für eine Gesellschaft ohne patriarchale Macht und Gewalt einsetzen.
Alle diese engagierten Menschen dürfen den Wahlausgang in den USA, aber auch die Wahlergebnisse in Ungarn, Serbien oder Brasilien als motivierende Botschaft deuten – und zwar als Botschaft, die auch für uns hier in der Schweiz Gültigkeit besitzt. Nämlich: Wir sind dem Sog der Manosphere nicht machtlos ausgeliefert. Radikale Männlichkeitsideologien bekommen nicht sozusagen naturgesetzlich immer mehr Zuspruch.
Und die beste Nachricht ist: Die Wahlergebnisse zeigen nicht nur Schwarz auf Weiss, dass der Weg Richtung Mansophere umkehrbar ist. Sie zeigen mehr. Sie zeigen, dass wir bereits weiter sind. Wir befinden uns schon auf dem Rückweg. Das Tal ist durchschritten.
Das ist das Verdienst der zivilgesellschaftlichen Kräfte, die hartnäckig dagegenhalten. Diese Kräfte sind stark und sie sind breit abgestützt. In den USA, in Brasilien, in Serbien und Ungarn – aber auch, davon bin ich fest überzeugt, bei uns in der Schweiz. Viele Menschen – darunter auch viele Männer – setzen sich für ein friedliches, hierarchiefreies Geschlechterverhältnis ein.
Engagement wirkt!
Aber natürlich bin ich mir gleichzeitig bewusst: Wenn wir die Verführungskraft der Manosphere und die Wirkung, die ihre Phrasen und Bilder haben, nachhaltig und langfristig schwächen wollen, reicht es nicht, diese Phrasen und Bilder einfach nur zu verurteilen.
Junge Männer werden nicht allein durch gutes Zureden einfühlsam, empathisch und rücksichtsvoll. Sie brauchen Orientierung, Unterstützung und positive Leitbilder. Sie brauchen tatsächlich «Role-Models» – nur eben andere als die erwähnten.
Darum: Ich bin sehr erleichtert, dass von den jüngsten Wahlgängen derart motivierende Signale ausgehen. Wir sind auf unserem Weg zu einer gleichgestellten, gerechten Gesellschaft zwar noch lange nicht im Ziel. Aber wir kommen vorwärts. Wir wissen nun sehr eindrücklich: Engagement wirkt! Bleiben wir also dran.
Bild: Die Tabelle der “New York Times” zeigt die Verschiebungen bei den amerikanischen Wählenden (Quelle: Screenshot NYT)

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