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Bevor der erste Stein fliegt

30. Oktober 2026 2 Kommentare

Seit Wochen gehen in Frankreich und in weiteren Ländern Europas junge Menschen auf die Strasse. Mich hat interessiert, wie junge Menschen bei uns diese Proteste erleben. Deshalb habe ich junge Mitarbeitende aus meinem Team gebeten, ihre Sicht aufzuschreiben. Hier ist ihr Text.

Wenn wir in diesen Wochen auf das Handy schauen, sehen wir zwei sehr unterschiedliche Bilder: auf den Newsportalen brennende Barrikaden in Frankreich, Wasserwerfer und Schlagzeilen über «Chaoten» – und in unseren eigenen Feeds die Menschen dahinter.

Seit Mitte September gehen in Frankreich Schülerinnen und Schüler auf die Strasse. Die Proteste begannen in den Vororten von Paris. Die jungen Menschen demonstrieren gegen fehlende Lehrpersonen, überfüllte Klassen und marode Schulhäuser. Mittlerweile laufen Studierende, Lehrpersonen, Eltern und auch Gewerkschaften mit, allein am 6. Oktober waren über 250’000 Menschen im ganzen Land am Demonstrieren. Es geht schon lange nicht mehr nur um die Schule, sondern auch um Lebenskosten und soziale Gerechtigkeit.

Auch in Italien, Belgien, Spanien und vielen weiteren Ländern protestieren junge Menschen.

Wir fühlen uns mit diesen Menschen verbunden und ehrlich gesagt macht es uns Angst, wie über sie gesprochen wird.

Wir verstehen die Wut

Die Schweiz ist nicht Frankreich. Auf unseren Strassen ist es gerade noch ruhig. Es geht uns vergleichsweise gut, und das wissen wir. Trotzdem kennen wir die Fragen und Forderungen, die in Frankreich auf den Transparenten stehen, aus unserem eigenen Leben.

Werden wir je eine Wohnung finden, die wir uns leisten können und in der wir bleiben dürfen? Was bleibt vom Lohn, wenn Miete und Krankenkasse bezahlt sind? Lohnt es sich, eine Familie zu planen, wenn jeder Sommer heisser wird und in Europa wieder mehr über Aufrüstung als über Zukunft gesprochen wird? Viele unserer Eltern konnten sich mit einem normalen Lohn noch ein Eigenheim kaufen. Für uns ist das nicht mehr vorstellbar.

Im aktuellen Jugendbarometer von gfs.bern sieht rund ein Drittel der 16- bis 30-Jährigen in der Schweiz die Zukunft der Gesellschaft eher düster. Und im Sorgenbarometer nennen Jüngere Wohnkosten, Altersvorsorge und Klima viel häufiger als Ältere.

Diese Zahlen heissen nicht, dass wir aufgegeben haben. Wer protestiert, glaubt noch daran, dass sich etwas ändern lässt, sonst bliebe man zu Hause. Aber die Hoffnung ist kleiner geworden und die Sorge grösser. Und wir merken, wie schnell aus Sorge Resignation werden kann.

Dazu kommt ein Gefühl, das viele von uns teilen: nicht ernst genommen zu werden. Man fordert uns auf, uns zu engagieren. Doch wenn wir es tun, heisst es schnell, wir seien naiv, würden übertreiben oder sollten erst einmal arbeiten gehen. Gleichzeitig werden uns Verweichlichung und Egoismus vorgeworfen. Wer immer wieder so behandelt wird, sucht sich irgendwann andere Wege, um gehört zu werden. Die Strasse ist einer davon, und das ist voll legitim.

Was gezeigt wird und was nicht

Die allermeisten, die in Europa auf die Strasse gehen, tun das friedlich. Viele Initiativen distanzieren sich ausdrücklich von jeder Form von Gewalt. Trotzdem dreht sich die Berichterstattung – auch hier in der Schweiz – meist um Ausschreitungen, Festnahmen und Sachschäden.

Wir verstehen, dass Bilder von Zerstörung mehr Aufmerksamkeit bekommen. Wir klicken ja selbst darauf. Aber wenn stellvertretend für eine ganze Bewegung nur noch über deren gewalttätigen Rand gesprochen wird, hat das Folgen.

Die wenigen, die Gewalt suchen, bekommen genau die Bühne, die sie wollen. Die vielen, die ein berechtigtes Anliegen haben, verschwinden. Und am Ende diskutieren alle über Pflastersteine statt über Mieten, Löhne und Klima. Am meisten beunruhigt uns, dass kaum noch jemand fragt, warum wir wütend sind.

Dabei sind wir keine besonders rebellische Generation. Der Jugendbarometer beschreibt uns als pragmatisch: Wir wünschen uns Stabilität und nicht Umsturz.

Gewalt beginnt nicht erst auf der Strasse

Wir lehnen Gewalt gegen Menschen und böswillige Zerstörung ab, das ist klar.

Uns fällt aber auf, dass die Geschichte in den Nachrichten fast immer erst dort beginnt, wo Steine fliegen. Was vorher passiert, kommt kaum vor.

Dabei kann man sich schon fragen, ob es nicht auch eine Form von Gewalt ist, wenn eine ganze Generation trotz guter Ausbildung keine sichere Zukunft mehr sieht. Oder wenn – auch bei uns – Familien aus ihren Quartieren verdrängt werden und Kinder in einem der reichsten Länder der Welt in Armut aufwachsen.

In der Friedensforschung spricht man hier von struktureller Gewalt: Gewalt, die nicht von einer einzelnen Person ausgeht, sondern von den Verhältnissen. Weil sie leise ist, schafft sie es selten in die Schlagzeilen.

Die Wut auf der Strasse hat Gründe und viele dieser Gründe sind politische Entscheidungen.

Beim Klima weiss man seit Jahrzehnten, was zu tun wäre, trotzdem wird meistens so entschieden, dass die Kosten erst später anfallen. Später, das sind wir. Wer jünger als 18 ist, darf dabei nicht einmal mitreden: Das Stimmrechtsalter 16 hat der Kanton Zürich 2022 mit knapp 65 Prozent Nein abgelehnt.

Gleichzeitig sind für die Armee plötzlich Milliarden da, während bei Bildung oder Prämienverbilligungen schnell das Geld fehlt. Vieles davon wird über unsere Köpfe hinweg entschieden, oft ohne an uns zu denken.

Hört uns zu, solange wir leise sind

Wir wünschen uns, dass die Frage nicht nur lautet: «Wie verhindern wir Ausschreitungen?», sondern auch: «Was brauchen junge Menschen, damit sie wieder an ihre Zukunft glauben?»

Von den Medien wünschen wir uns, dass sie über Inhalte berichten und nicht nur über reisserische Bilder. Und von der Politik, dass sie uns nicht als Problem behandelt, das man in den Griff bekommen muss, sondern als Menschen, die mitreden wollen.

Denn wer auf die Strasse geht, um gehört zu werden, ist nicht das Problem, sondern zeigt darauf. Es wäre klug, hinzuschauen, bevor der erste Stein fliegt.

Ronahi Yener, Selina Winter und Jan Holtkamp

Bild: Die Zukunft bereitet Sorgen – auch jungen Menschen in der Schweiz (Studierendendemo in Zürich).

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Kategorie: Blog Tags: Push

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Kommentare

  1. Delucchi schrieb

    30. Oktober 2026 um 16:05

    Danke für euren Beitrag und für die Offenheit. Aber vor allem Danke für eures Engagement. Ein Engagement, eine Empörung oder eine Proteste ja, aber bitte, bitte ohne jegliche Gewalt. Wenn eure Empörung durch Gewalt gezeigt wird, wird, wie ihr richtig schreibt, nicht mehr gehört. Ich (71) verstehe eure Anliegen und bin für ein Gespräch absolut offen.

    Antworten
  2. André Heiniger schrieb

    30. Oktober 2026 um 18:36

    Es ist nur eine Frage der Zeit,bis die Jugendliche auf die Strasse gehen, JUSO wird aktiv.Ich war vor 2 Jahr mit den Jungendlichen auf der Strasse ,mit einer Demo.Die Jungen sind unzufrieden,es ist nicht das Geld 💸💰.Bin Aktivist, Regiovertreter Nordwestschweiz UNIA Pflege,habe Tränengas Erfahrung,kenne Polizei Gewalt,bin Babyboomer.

    Antworten

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