Der Hitzesommer hat uns den Klimawandel drastisch spüren lassen. Aus Anlass des diesjährigen Klimadialogs haben wir die Zürcherinnen und Zürcher dazu befragt, wie sie Hitze und Trockenheit empfunden haben und wie sie nach dieser Sommererfahrung über Klimaschutz und Klimaanpassung denken. Das Stimmungsbild ist klar: Die Bevölkerung will, dass sich mehr tut.
Im Spätherbst 2020 führten wir den ersten Zürcher Klimadialog Kanton-Gemeinden durch – damals unter Corona-Bedingungen, mit Abstand und ohne Publikum beziehungsweise mit dem Publikum zu Hause vor den Bildschirmen.
Diese Woche fand nun die bereits siebte Klimadialog-Ausgabe statt. Die Idee der Veranstaltung – sich gemeinsam über die Themen Klimaschutz und Klimaanpassung auszutauschen, gegenseitig von Erfahrungen zu berichten und voneinander zu lernen – entspricht dabei offensichtlich einem steigenden Bedürfnis: Die Teilnehmendenzahl ist im Lauf der Jahre beständig gewachsen. Dieses Mal kamen rund 200 Personen – Mitglieder von Gemeinde- und Stadträten sowie Verwaltungsmitarbeitende von Kanton und Gemeinden – im Zürcher Volkshaus zusammen. Gastgebende waren mein Kollege, Baudirektor Martin Neukom, und ich, Monika Keller als Präsidentin des Gemeindepräsidienverbands, Thomas Ziltener als Co-Präsident des Vereins der Veraltungsfachleute sowie Theo Meier als Präsident des Schulpräsidienverbands.
Zwei Deutungen
Man kann dieses wachsende Interesse auf zwei Arten deuten – und vermutlich sind beide Deutungen richtig. Die erste wäre, dass sich die Nützlichkeit dieses unkomplizierten Austauschs von Klima-Wissen und -Erfahrung immer weiter herumspricht. Die pragmatische Weise, wie das Klimathema am Klimadialog behandelt wird, entspricht der Art, wie die Gemeinden mit dem Thema umgehen. In den Gemeinden werden Klimafragen sehr viel nüchterner und unideologischer angegangen wie auf den entfernteren politischen Ebenen. Das gefällt mir sehr.
Die andere Deutung ist weniger erfreulich: Das wachsende Interesse an unserem Anlass kann auch Ausdruck davon sein, dass der Klimawandel beständig voranschreitet – der vergangene Sommer hat es uns sinnbildlich spüren lassen. Gerade ist ein neuer Uno-Bericht erschienen, der besagt, dass sich die Erde stärker aufheizt als bisher geschätzt. Die Erde steuert bis Ende des Jahrhunderts auf eine Erwärmung von 2,8 Grad zu.
Dabei nennt der Uno-Bericht Ross und Reiter beim Namen: Die düstere Prognose sei eine direkte Folge davon, dass sich die USA unter Präsident Trump aus ihren früheren Klimaschutzplänen vollständig verabschiedet hätten.
Mit anderen Worten: Der volle Saal am diesjährigen Klimadialog dürfte auch eine direkte Folge der beklemmenden Realität sein. Der Sommer machte uns allen bewusst, wie gross und akut die Herausforderungen bei Klimaschutz und Klimaanpassung sind.
Wo drückt der Schuh?
Damit die Verantwortlichen im Bemühen, ihre Gemeinden punkto Klimaschutz und Klimaanpassung bestmöglich zu entwickeln, etwas genauer wissen, wo die Bevölkerung «der Schuh drückt», haben wir eine repräsentative Befragung in Auftrag gegeben. Es ist in der politischen Arbeit immer hilfreich, wenn man sich nicht im luftleeren Raum bewegt, sondern eine Ahnung hat von der Stimmungslage, also von den konkreten Sorgen und Bedürfnissen. Schliesslich wollen wir nicht gegen die Bevölkerung Klimapolitik machen, sondern mit der Bevölkerung.
Die Forschungsstelle Sotomo hat deshalb 2000 Zürcher Stimmberechtigte befragt – und zwar zwischen Ende September und Mitte Oktober, also nach der Erfahrung des Hitzesommers.
Grosse Mehrheit will Massnahmen
Die Ergebnisse sind eindeutig: 64 Prozent nehmen den Klimawandel nach dem vergangenen Sommer als stärkere Belastung wahr wie zuvor. Dabei geht diese Wahrnehmung durchs gesamte politische Spektrum. Bei den Wählerinnen und Wählern der SVP hat das Belastungsempfinden am wenigsten zugelegt – mit plus 44 Prozent ist die Zunahme aber auch dort beträchtlich.
Mit der gewachsenen Belastung einher geht eine Verstärkung der Zukunftssorgen: Deutliche Mehrheiten von rund 80 Prozent sind «sehr» oder «eher» besorgt, dass Hitze und Trockenheit zu Ernteeinbussen bei der Landwirtschaft, zu mehr Extremwetterereignissen, zu Wasserknappheit und generell zu einer nachhaltigen Schädigung der Natur führen könnten.
Deshalb überrascht es auch nicht, dass klare Mehrheiten mehr Massnahmen beim Klimaschutz (75 Prozent) und bei der Klimaanpassung (80 Prozent) befürworten.
Die Befragten äusserten sich dabei ganz konkret zu kommunalen Klimaschutzmassnahmen. Die Ergebnisse sind auch hier eindeutig: Die Zürcher Bevölkerung wünscht Veränderung. Sie wünscht sich Verbesserungen beim Angebot des öffentlichen Verkehrs. Sie spricht sich mit fast 90 Prozent für Solarpanels auf öffentlichen Infrastrukturanlagen aus. Ebenso begrüssen Mehrheiten eine Solarpflicht auf grösseren privaten Dächern sowie den Bau von Windrädern.
Ebenfalls klar ist die Meinung zu Wärmeverbünden und lokalen Energiegemeinschaften: Ja – und zwar ein deutliches Ja.
Es darf auch etwas kosten
Das Stimmungsbild bei den kommunalen Klimaschutzmassnahmen wiederholt sich bei den kommunalen Klimaanpassungsmassnahmen: «Im Grundsatz» befürworten fast 90 Prozent der Befragten eine klimaangepasste Siedlungsentwicklung.
Wenn ein Preisschild oder konkrete Einschränkungen dazukommen, sinkt die Zustimmung zwar etwas. Doch weiterhin sind klar über 50 Prozent zum Beispiel für mehr Grün im Strassenraum – auch wenn dafür gegebenenfalls eine Strasse verengt oder das Tempo gesenkt werden muss.
Chancen packen!
Wenn die Befragung der einen oder anderen Gemeinde zu nützlichen Erkenntnissen verhilft, hat sie ihren Zweck erfüllt.
Ich glaube, die Politik ist nirgendwo so lernfähig wie auf der kommunalen Ebene.
Das hat damit zu tun, dass in den Gemeinden einerseits die Herausforderungen sicht- und spürbar sind – dass sich dort andererseits aber auch die Chancen (in unserem Fall der Nutzen von Klimaschutz- und Klimaanpassungsmassnahmen) konkret manifestieren.
Wir müssen beim Klimaschutz und bei der Klimaanpassung alle Chancen packen, die sich uns bieten. Das ist dringend und alternativlos. Unter den Zürcher Gemeinden gibt es viele, die auf diesem Weg schon weit sind. Und vielleicht trägt die breite Zustimmung, die Klimaschutz- und Klimaanpassungsmassnahmen in der Bevölkerung geniessen, ja dazu bei, dass in Zukunft auch noch Vertreter jener Gemeinden am Klimadialog mitmachen, die bisher unseren Anlässen ferngeblieben sind.
Die Resultate der Befragung sind ab Anfang nächster Woche hier verfügbar.
Bild: 200 Personen nahmen am diesjährigen Klimadialog teil – es gab Diskussionen, Referate und Workshops. (Bild: Sabina Bobst)

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