Der erste digitale Stammtisch und das erste Flüchtlingsparlament: zwei Premieren, die direkt nichts miteinander zu tun haben. Indirekt aber schon – und das nicht nur, weil mich beide freuen.
Heute Abend ist Premiere: Der erste digitale Stammtisch findet statt. Welche Freude! Die Stammtische haben die Frauenzentrale Zürich und die Direktion der Justiz und des Innern im Rahmen der «Züri-Löwinnen brüllen»-Kampagne lanciert. Die Idee: Erfahrene Politikerinnen treffen mit Frauen zusammen, die mehr wissen möchten über die Qualitäten und Eigenheiten einer politischen Funktion – vielleicht, weil sie sich selber überlegen, eine solche zu übernehmen.
Darin liegt denn auch unsere Hoffnung: Wir möchten im Hinblick auf die kommunalen Wahlen vom nächsten Jahr bei möglichst vielen Frauen die Lust wecken, anzutreten. Noch sind Frauen in den Gemeinderäten deutlich untervertreten. Darum: Liebe Zürcherinnen – wir brauchen Sie!
Und glauben Sie mir: Die Möglichkeit, in einem politischen Amt unsere Lebensumstände und unsere Gesellschaft mitgestalten zu können, ist zwar nicht immer restlos beglückend – es gibt bekanntlich ab und zu auch einmal eine politische Niederlage. Aber es ist immer befriedigend und bereichernd. Ich habe meinen Weg nie bereut. Auch dieser hat in einem Gemeindeparlament begonnen.
Am ersten digitalen Stammtisch sind die Winterthurer Stadträtin Christa Meier, Gemeindepräsidentin Florina Böhler aus Schleinikon sowie die Lindauer Gemeinderätin Pia Lienhard die Gastgeberinnen.
Wer heute Abend (ab 18.30 Uhr) teilnehmen möchte, sich aber noch nicht angemeldet hat, kann dies bis um 14 Uhr hier tun. Wir freuen uns auf Sie!
Teilhabe vorleben
Die Stammtisch-Kampagne ist mir ein Herzensanliegen, weil sie beispielhaft das Motto vorlebt, unter das ich mein Jahr als Regierungspräsidentin gestellt habe: Teilhabe. Unsere Demokratie und unsere Gesellschaft leben davon, dass sich möglichst viele Menschen beteiligen – dass sie sich einbringen können und ernst genommen fühlen.
Denn wer sich beteiligen kann und beteiligen will, wer mitmachen will und sich als Teil des Ganzen versteht, der oder die glaubt an die Kraft der Gemeinschaft – und damit an die Möglichkeit von Veränderung und Gestaltung.
Damit ist die Teilhabe so etwas wie die Schwester der Emanzipation, der Selbstermächtigung – zwei weitere Begriffe, die mein politisches Denken prägen (mehr dazu in diesem Blogbeitrag). Denn erst wer sich ernst genommen und einbezogen fühlt, ist auch stark genug, um Verantwortung zu übernehmen – für sich und sein Leben wie auch für die Mitmenschen und die Umwelt.
Jede und jeder weiss es aus eigener Erfahrung: Wer mit seiner Situation, seinen Anliegen und Herausforderungen allein dasteht, hat es schwer. Wer Mitstreiterinnen und Mitstreiter hat, wer Solidarität erfährt, hat es leichter. Der Satz mag etwas ältlich und simpel klingen, wahr ist er nach wie vor: Nur gemeinsam sind wir stark.
Starke Symbole
Deshalb gefällt mir jede Form der Gemeinschaftlichkeit – ob Jugendparlament oder Frauensession. Natürlich kann man solchen Veranstaltungen vorwerfen, sie seien nur Symbolik und hätten keinen wirkungsvollen Hebel. Doch wer so kritisiert, vergisst, dass auch Symbolik Wirkung zeitigt – ein Saal voller starker, engagierter Frauen oder Jugendlicher mit Gestaltungswillen: das ist ein starkes Bild, das sich nicht nonchalant übersehen lässt.
Zudem kann ein solches Symbol auch so etwas wie eine Anschubhilfe sein – ein Momentum, das ein schlummerndes Potenzial und damit eine Chance für effektive Veränderungen weckt.
Dieses Potenzial ist gerade bei jungen Frauen vorhanden: Eine Untersuchung zeigt, dass seit etwa 10 Jahren die Stimmbeteiligung bei jungen Frauen (18- bis 24-jährig) leicht höher ist als bei jungen Männern. Bemerkenswert auch, was die Easyvote-Studie zum politischen Engagement ergeben hat: Dieses sei bei jungen Männern zwar noch ganz leicht höher als bei jungen Frauen, bei jungen Frauen habe es in den letzten Jahren aber sehr viel stärker zugenommen als bei jungen Männern. Insbesondere sind das Interesse für beziehungsweise das Engagement gegen den Klimawandel bei Frauen grösser – und die Sensibilität gegenüber Migrationsfragen.
Selber aktiv werden
Das führt mich zu Premiere Nummer zwei – nämlich zu einer «Sondersession», wie es sie noch nie gegeben hat. Der «Tages-Anzeiger» berichtete jüngst darüber, dass am 6. Juni in der Berner Dreifaltigkeitspfarrei das erste Flüchtlingsparlament der Schweiz stattfinden wird. In den letzten Wochen hätten sich 75 Geflüchtete aus 19 Kantonen und 15 Ländern virtuell in neun verschiedenen Kommissionen getroffen und Vorschläge ausgearbeitet – etwa zum Thema «Bildung» oder «Psychische und medizinische Gesundheit».
An der Flüchtlingssession werden die Teilnehmenden über die Vorschläge debattieren. Vorgesehen ist, dass sie zehn Anliegen dem eidgenössischen Parlament übergeben.
Auch hier: Natürlich wird die unmittelbare Wirkung dieser Session begrenzt bleiben. Doch in der Symbolik des Zusammenkommens liegt eine starke Botschaft: Hier zeigen Menschen, die kein Stimmrecht haben und deshalb punkto Teilhabe in einer schwächeren Position stehen, dass sie sich beteiligen wollen, dass sie sich einbringen wollen, dass sie ernst genommen werden wollen.
Dabei beschränken sie sich nicht auf das Klagen über bestehende Missstände, sondern werden selber aktiv. Menschen, deren gesellschaftlicher Partizipation wir oft grosse Steine in den Weg legen, denken unsere Gesellschaft weiter, wollen sie mitgestalten und übernehmen damit Verantwortung: ein starkes Zeichen.
Das ist gelebte Selbstermächtigung. Das ist gelebtes Miteinander.
Zwei Premieren, die in verschiedenen Zusammenhängen Teilhabe und Emanzipation zum Ausdruck bringen: Davon brauchen wir mehr! Kennen Sie weitere solche Initiativen? Schreiben Sie mir – oder kommentieren Sie gleich hier im Blog.
Foto: Nur gemeinsam sind wir stark (Bild Pixabay)

Schreibe einen Kommentar