Er war ein einzigartiger Sozialdemokrat. Und ein treuer Freund, der mich begleitet und immer wieder ermutigt hat. Ich vermisse Helmut Hubacher schon heute.
Im Bundeshaus haben wir uns knapp verpasst. Helmut Hubacher trat 1997 – nach 34 Jahren – aus dem Nationalrat zurück. Ich startete dort 1998.
Trotzdem wurde Helmut für mich zu einem treuen Begleiter und wichtigen Gefährten. Ich setzte mich in Bern für eine moderne Familienpolitik ein – für die Mutterschaftsversicherung oder den Ausbau des Kita-Angebots. Helmut motivierte mich unermüdlich, dieses Engagement fortzusetzen. Das Thema lag ihm am Herzen.
Er schickte mir Studien, die ihn interessant dünkten. Er rief mich an, wenn er eine Information mit mir teilen wollte. Er kopierte Artikel, die über meine Bemühungen berichteten, ergänzte sie mit einem handschriftlichen «Bravo!» oder «Du kommst sogar in Basel vor!» oder «Gib ja nicht auf!» und liess sie mir zukommen.
Wenn ich ihn traf, an einem Fest oder bei ihm zu Hause im Jura, freute er sich mit mir. «Toll, dass es mit der Mutterschaftsversicherung geklappt hat. Wie lange wir dafür gekämpft haben!» Der Austausch mit Helmut war für mich immer eine grosse Ermutigung.
Helmut war Stationsbeamter bei der SBB, bevor er in der Gewerkschaft Funktionen übernommen hat und in politische Ämter gewählt wurde. Das ist – könnte man sagen – alte SP-Schule. Gleichzeitig ist Helmut für mich so etwas wie das Sinnbild von Modernität. Er hat die Partei modernisiert wie kein zweiter. Er hat aus der Arbeiterpartei eine linke Volkspartei gemacht. Er hat Junge integriert, hat die Partei für die 68er geöffnet und mitgeholfen, dass die Frauen immer mehr Raum erhielten. Das brauchte Geduld, Beharrlichkeit und die Bereitschaft, Konflikte auszutragen.
Helmut schrieb auf seiner Schreibmaschine und kommunizierte per Post, Fax und Telefon. Aber im Denken ging er mit der Zeit – oder präziser: Er war der Zeit voraus. Bis ins hohe Alter. Dass eine moderne Familienpolitik für die SP und für unser Land von immenser Bedeutung ist: Das erkannte er, als anderen, jüngeren, das Thema gerade mal ein müdes Lächeln wert war.
Ein Vogel mit zwei Flügeln
Helmut vereinte riesiges Wissen, unablässige Neugier und radikale Offenheit. Seine Freude über Junge, die in der SP Verantwortung zu tragen bereit waren, war echt und tief. Er unterstützte sie, ohne sich aufzudrängen. Und nichts begeisterte Helmut mehr, als wenn sie Erfolg hatten. Wenn seine politischen Nachkommen etwas erreichten, das er selber nicht erreicht hatte: Das war für ihn das Grösste. Denn nie verstand sich Helmut als Sonne im SP-Universum, um die sich alles drehte. Er wollte einen Beitrag leisten zu etwas Grösserem. Helmut war mit der SP in einer Konsequenz und Innigkeit verbunden, die mich tief berührt hat.
So hätte er sich auch niemals auf Kosten der Partei profiliert. Dabei ist diese Versuchung enorm. Schliesslich sind jedem, der sich mit ein paar Seiten- oder Frontalhieben an der eigenen Partei abarbeitet, die Kameras gewiss. Wer gross herauskommen will, muss nur ein bisschen treten. Helmut tat das nie.
Und er bewirtschaftete dementsprechend auch das Thema nicht, das inner- wie ausserhalb der Partei so viel zu reden gibt: das «Wer-gehört-zu-welchem-Flügel?»-Thema. Helmut hatte klare Positionen und feste Überzeugungen. Aber er dachte nicht in der Kategorie von Parteiflügeln. Wer ihn darauf ansprach, dem entgegnete er: Ein Vogel braucht zwei Flügel, damit er fliegen kann. Hat er nur einen, stürzt er ab.
Ein Schlüsselerlebnis
Als Parteipräsident hatte Helmut vorgemacht, wie man diesen Vogel pflegt – diesen Vogel mit seinen Flügeln und dem Körper, den die Flügel tragen. Es war 1989. Ich war soeben der SP beigetreten, als die GSoA-Initiative die Partei zu zerreissen drohte – hier die jungen Armeeabschaffer, dort die Gewerkschafter aus den Armeebetrieben und die SP-Offiziere. Wie es Helmut gelang, aus diesem potenziell zerstörerischen Konflikt eine produktive Auseinandersetzung zu machen, welche die Partei gegen innen stark und gegen aussen interessant machte: Das war für mich ein politisches Schlüsselerlebnis.
Jetzt hat uns Helmut, dieser einzigartige Sozialdemokrat, treue Freund und grosse Mutmacher, verlassen. Lieber Helmut. Ich danke dir für alles. Ich vermisse dich schon heute.

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