Sind Sie noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken? Oder nach einem Buch für Sie selber, in das Sie sich über die Festtage vertiefen können? Dann schauen Sie sich doch diese drei Bücher an: Sie haben mich fasziniert, haben mir zu neuen Erkenntnissen verholfen, haben mich etwas lernen lassen – und mich dazu auch noch gut unterhalten.
«Lesen stärkt die Seele», hat Voltaire gesagt. Wie Recht er hat! Lesen beglückt, lesen bildet. Und es schärft die Wahrnehmung.
Das wurde mir wieder einmal bewusst, als ich im Buch des ehemaligen Bundeskanzlers Walter Thurnheer über das Wesen des Bundesrats gelesen hatte. Ich war lang genug Mitglied des Nationalrats, um den Betrieb in Bundesbern zu kennen – inklusive der Eigenheiten der Bundesrätinnen und Bundesräte. Und zwar sowohl ihrer Qualitäten und Kompetenzen wie auch ihrer weniger imposanten, manchmal schrulligen und oft einfach sehr menschlichen Eigenschaften.
Trotz dieses Vorwissens war die Lektüre bereichernd – weil Thurnheer die mitunter etwas umständliche Mechanik unserer Landesregierung schön auf den Punkt bringt. Der Titel des Buches steht sinnbildlich dafür: «Wie der Bundesrat die Schweiz regiert und weshalb es trotzdem funktioniert.»
Wer das Buch liest, sieht in das komplizierte, teils etwas aus der Zeit gefallene, aber gleichzeitig stabile und gegen modische Verführungen ziemlich robuste Räderwerk unseres Systems. Natürlich ist das zweischneidig: Dass zu Beginn gross gedachte und aufwändig konzipierte Regierungsreformen am Ende – wenn überhaupt – in einem Reförmchen enden: Das lässt sich einerseits als Symbol konservativer Widerstandskraft deuten.
Aber es zeigt eben auch, dass manche Eigenheiten des Systems, die auf den ersten Blick antiquiert aussehen und deshalb zum Gegenstand eines Reformprojekts werden, sich bei näherer Betrachtung als doch nicht so schlecht erweisen.
Leidenschaft und Zuversicht
Ein Beispiel für eine solche Eigenheit: die einjährige Amtsdauer des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin. Würde sie zwei Jahre betragen, wären mehr Kontinuität und – im Verhältnis zu ausländischen Amtskolleginnen und -kollegen – tiefere Beziehungen möglich.
Auf der anderen Seite: Zu Beginn des Präsidialjahres würden die Bundespräsidentinnen und -präsidenten sich jeweils behutsam und zurückhaltend an ihre neue Rolle tasten und – so schreibt Autor Thurnherr – «sich über all die kleinen protokollarischen Vorzüge und Sonderbehandlungen wundern».
Doch das ändere sich: Nach einigen Monaten würden die Privilegien zur Selbstverständlichkeit, «dann zu einer Erwartung und schliesslich zu einem Anspruch». Thurnherrs Fazit: «Vielleicht unmerklich ausserhalb des Bundeshauses, aber deutlicher spürbar bei den Kolleginnen und Kollegen, schleicht sich nach einer gewissen Zeit (nicht bei allen, aber bei erstaunlich vielen) eine Selbstwahrnehmung ein, bei der das ‘Primus inter Pares’ vor allem als ‘Primus’ verstanden wird.»
Mit der Folge, dass das Kollegium häufig nicht unglücklich sei, wenn nach einem Jahr das Präsidium weiterwandere.
Noch einen Punkt aus dem Buch möchte ich aufgreifen: Er scheint mir wichtig, weil darin eine Lebenshaltung zum Ausdruck kommt, die ich gerade bei Politikerinnen und Politikern wichtig finde – schliesslich vertreten wir das Volk und sind diesem Volk damit auch etwas schuldig.
Thurnherr fragt: Was macht einen guten Bundesrat, eine gute Bundesrätin aus? «Ca doit te plaire!», habe ein Bundesrat einmal dazu gesagt.
Tatsächlich: Es muss einem gefallen. Das gilt für alle, die in politischen Funktionen stehen. Natürlich herrscht nicht alle Tage Sonnenschein. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man, manchmal steht man im Regen – und nicht immer hat man es verdient. Trotzdem sind Politiker:innen mit Selbstmitleid und/oder schlechter Laune eine schwierige Gattung. Und so bin ich ganz bei Thurnherr, wenn er schreibt: «Es braucht eine Leidenschaft, eine Zuversicht, eine Lust und eine Freude, wenn man sich frühmorgens auf den Weg ins Büro macht. Nicht jeden Tag, aber an vielen Tagen.» Ich würde sagen: an fast allen.
Facetten der Freiheit
Das zweites Buch, das ich Ihnen ans Herz legen möchte, hat mich erstens einfach sehr berührt. Es vermittelt zweitens aber auch tiefe Einblicke in die europäische Geschichte und ins Wesen der Politik. Es geht in diesem Buch schliesslich um einen Begriff, der – nicht nur in der Politik, aber insbesondere dort – fundamental wichtig ist: um den Begriff der Freiheit.
Ich schreibe vom Bestseller «Frei» der albanisch-britischen Philosophin Lea Ypi. Das Buch hat mich beeindruckt, weil es erstens sehr schön zeigt, dass Freiheit ein Begriff mit vielen Facetten ist – und zwar mit mehr Facetten als wir uns das bei uns in der privilegierten freien Welt bewusst sind.
Lea Ypi leistet aber noch mehr. Das Buchcover zeigt eine Coca-Cola-Dose, in der eine Rose steckt. Im Buch schildert die Autorin dann die tiefere Bedeutung einer leeren Cola-Dose im Albanien ihrer Kindheit – also im kommunistischen Albanien kurz vor der Wende.
Dabei steht die Cola-Anekdote stellvertretend für das ganze Buch: Ypi erzählt anhand ihrer eigenen Kindheit die Geschichte ihres Landes und namentlich die fundamentalen Umwälzungen ab Ende der 1980er-Jahre. Das Buch hat mich auf meiner Albanien-Reise im vergangenen Frühling begleitet und bei vielen Begegnungen unscheinbare Hintergründe sehen lassen.
Lea Ypis Werk ist sehr bewegend, weil konkrete, anekdotische Schilderungen politische Vorgänge mitunter besser zu vermitteln vermögen als abstrakt-akademische Abhandlungen. Vor allem aber ist es gerade für Menschen, die in der Politik tätig sind, immens wichtig, dass wir uns bewusst sind: Jede historische Entwicklung, jeder politische Entscheid berührt irgendwann und irgendwie das Leben von Menschen.
Als Volksvertreterinnen und Volksvertreter ist es unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass unsere Entscheide für möglichst viele Menschen eine möglichst positive Wirkung haben. Oder wie es der Slogan meiner Partei sagt: «Für viele statt für wenige.»
Die Kraft der Sprache
Und noch ein drittes Buch, das mich inspiriert hat: «Say it Well» heisst das jüngst auf Deutsch erschienene Werk von Terry Szuplat, dem Redenschreiber von Barack Obama.
Wie wichtig das Wort ist – im Leben ganz allgemein und in der Politik im Speziellen: Das war und ist mir bewusst. Für uns Politikerinnen und Politiker ist die Sprache unser wichtigstes Werkzeug. Mit dieser erklären wir, vermitteln wir und versuchen wir zu überzeugen.
Der Weg von der simplen Einsicht in die Kraft des Wortes bis zur rhetorischen Brillanz ist allerdings lang und anstrengend – manche Politikerinnen schaffen es weiter, andere Politiker weniger weit…
Szuplat berichtet in seinem Buch so quasi aus dem Nähkästchen – und zwar sehr anschaulich, mit Tipps und Tricks für jedermann und jedefrau. Wer das Buch liest, ist am Ende vielleicht nicht gerade eine Rhetorikerin von Obama-Format, aber sicher um einige Erkenntnisse reicher.
Wer es gern kürzer hat, kann auch das Interview nachlesen, das die «NZZ am Sonntag» kürzlich mit Szuplat geführt hat. Wichtig – und übertragbar auf unsere Verhältnisse – finde ich vor allem diese Aussage:
«Obama ging immer von gemeinsamen Werten aus, von Werten, die alle oder möglichst viele Amerikaner teilen. Über die Gesundheitsreform etwa hätte er aus einer radikalen, linken Perspektive sprechen können. Obama war als Präsident aber nie ein Linksaussen. Deshalb sprach er über Freiheit, Verantwortung und Möglichkeiten – Worte, die man in der Regel mehr von einem Konservativen hört. Das sind Werte, welche die Amerikanerinnen und Amerikaner immer noch teilen und auf die wir immer noch bauen könnten. Trump versucht aber nicht einmal, die Menschen zu einen oder seine Unterstützung zu vergrössern. Er spricht nur für die Hälfte des Volkes. Und die andere Hälfte dämonisiert er.»
Ich wünsche Ihnen frohe Festtage und dann einen guten Start ins neue Jahr.
Walter Thurnherr. Wie der Bundesrat die Schweiz regiert. Kein & Aber, ca. 45 Franken
Lea Ypi. Frei. Suhrkamp, ca. 24 Franken
Terry Szuplat, Say it Well, Piper, ca. 39 Franken

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