Heute ist feministischer Streiktag. Wo stehen wir im Kampf um die Gleichstellung, den Menschen aller Geschlechter seit Generationen führen? Die Antwort ist kurz: Wir stehen mittendrin. Der Kampf dauert an. Und doch ist nicht alles wie gehabt. Es hat sich etwas geändert. Wir befinden uns an einem Kipppunkt.
Wie so oft an Tagen wie heute schaut man aufs Glas und fragt sich: Ist es halbvoll oder halbleer? Sollen wir uns freuen über die Errungenschaften des langen feministischen Kampfs? Mit der Revision des Sexualstrafrechts hat das mutige, hartnäckige Einstehen der Frauen ja gerade wieder einen wichtigen Fortschritt bewirkt.
Oder sollen wir vor allem protestieren, weil wir uns nach wie vor weit von einer tatsächlichen Gleichstellung entfernt befinden?
Ich plädiere für beides – also dafür, auf dem «Sowohl als auch»-Weg weiterzugehen: Feiern und fordern, Party und Protest. Beides ist nötig, beides ist richtig.
Also weiter wie bisher.
Doch: Ist wirklich alles wie gehabt?
Es gibt ein paar Hinweise, die mich zweifeln lassen.
Es geht «as Läbige»
Der Kampf um die Gleichstellung ist alt. Seit Generationen wird er von Menschen aller Geschlechter und insbesondere von couragierten, unbeirrbaren und unbequemen Frauen geführt.
Nun – so mein Eindruck – sind wir auf diesem langen Weg an einem Kipppunkt angelangt.
Es ist der Punkt, wo es «as Läbige» geht. Der Moment, wo der alte, patriarchale Block, der in diesem Land noch immer über viel formelle und noch mehr informelle Macht verfügt, gemerkt hat: Es ist sich etwas am Wandeln. Die Tage des alten Machtkartells sind gezählt.
Und wie meistens, wenn ein Privileg – in diesem Fall: die jahrhundertealte Selbstverständlichkeit, dass Macht und Deutungshoheit männlich sind – zu bröckeln beginnt, ist die Reaktion der Betroffenen heftig: Das darf nicht sein! Wehren wir uns! Mit aller Kraft! Und mit allen Mitteln!
Das ist die Nahrung für Kulturkämpfe.
Besonders gründlich scheinen die Verschiebungen im Verhältnis von Macht und Geschlecht das bürgerliche Milieu in Wallung zu bringen. Was nicht weiter verwunderlich: Dass es im Milieu, in dem das patriarchale Machtzentrum verankert ist, auch eine breite Allianz von progressiven Frauen gibt, die den Kampf für mehr Gleichstellung mittragen, muss für die Verteidiger der Männerbastion besonders bitter sein.
Dass der Wandel, der die Privilegien der Machtmänner bröckeln lässt, auch im eigenen Habitat an Kraft gewinnt, macht diesen noch bedrohlicher.
Darum ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet der Gendertag in Stäfa zum Schauplatz eines Trauerspiels wurde.
Dass eine Schule in einer bürgerlichen Gemeinde auf die Idee kommt, an einem Anlass Geschlechterrollen und Geschlechterstereotypen zu reflektieren – das muss für die patriarchalen Realitätsverweigerer eine Provokation erster Klasse gewesen sein. Wäre es die linke Stadt Zürich gewesen: geschenkt, die ist ohnehin verloren. Aber dass ausgerechnet eine Gemeinde von der Goldküste…: ein Menetekel (für die Andreas Glarners dieser Welt)!
Mit dem Professor zurück in die Zukunft
Oder nehmen wir den Artikel des irrlichternden Wirtschaftsprofessors Reiner Eichenberger, den dieser kürzlich in der NZZ veröffentlicht hat.
Es war eine Kampfschrift im Retro-Look. Die Botschaft: Zurück in die Zukunft. Eichenberger wünscht sich eine Schweiz, welche die Zuwanderung wieder autonom steuert und in der die Frauen wieder zu Kindern und Küche schauen.
Dabei argumentiert er volkswirtschaftlich: «Die Vollkosten für ein Kind in der Krippe betragen rund 3000 Franken pro Monat. Das mittlere Markteinkommen für Frauen liegt bei rund 6000 Franken für eine Vollzeitstelle. Somit haben Frauen, die ihre zwei Kinder selber betreuen und ihren Haushalt selber führen, oft eine weit höhere Wertschöpfung als Frauen, die im Markt arbeiten und ihre Kinder betreuen lassen.» Schreibt der Professor.
Dass sich akademisches Personal dazu hergibt, mit ein paar dahergeworfenen Sätzen zu insinuieren, die familienexterne Kinderbetreuung sei volkswirtschaftlich schädlich und daher untauglich, ist schon absurd genug. Geradezu verstörend ist aber, dass ein selbsternannter Vordenker im Jahr 2023 eine «Die Frau gehört an den Herd»-Nostalgie verbreitet.
Es herrscht offenbar Panik im Lager der Privilegienhüter. Sie sind ausgeschwärmt auf ihre Missionen – nach Stäfa, zur NZZ und ins grosse digitale Nirwana.
Denn eben – offenbar ist nun bei allen, wirklich allen angekommen: Es hat sich viel bewegt. Es wird sich weiter viel bewegen. Und tief im Innern ahnen die Missionare: Sie werden scheitern. Denn es gibt keinen Weg zurück. Die Zeit, wo Privilegien als Ausdruck männlicher Normalwelt unbestritten waren, ist vorbei. Endgültig vorbei.
Das ändert zwar nichts daran, dass es gute Gründe gibt, das Glas weiterhin halbleer zu sehen – es gibt noch viel zu tun. Vor allem aber gibt es sehr gute Gründe, heute das Glas zu füllen. Und zwar ganz zu füllen. Und anzustossen. Auf das Erreichte! Und auf alles Kommende!
Bild: Auf der Strasse für mehr Gleichstellung – der Frauenstreiktag von 2019 (Quelle: PD)

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