Was haben der feministische Streik vom 14. Juni und das Ja zum Klimaschutzgesetz gemeinsam? Mehr als es auf den ersten Blick scheint. Beide sind Symbole des Fortschritts. Dabei hat der Weg zum Fortschritt viele Etappen, beschwerlichere und andere. Auch das zeigen die beiden Ereignisse.
Wie entsteht Fortschritt?
Diese Frage hat mich in den letzten Tagen gleich mehrfach beschäftigt.
Der erste Anlass war der feministische Streik vom 14. Juni. Da haben sich bürgerliche Frauen darüber beklagt, der Anlass sei «mittlerweilen sehr schrill und links-ideologisch dominiert». Auch die Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers» folgte dieser Argumentation und klagte, die Veranstaltung sei «gekapert» worden. Ihr Fazit: «Diese linke Übernahme des Frauenstreiks ist bedauerlich.»
Während 2019 Frauen von Weit-Links bis Mitte-Rechts den Frauenstreik mittrugen, war die Allianz dieses Mal weniger breit.
Ist das schlimm? Nein, ist es nicht.
Im Gegenteil. Es ist die Antwort auf meine Frage: So entsteht Fortschritt.
Die Spitzengruppe und das Feld
Es ist erst wenige Jahrzehnte her, da wurden Frauen, die sich für die Mutterschaftsversicherung, für Kitas oder Tagesschulen aussprachen, übel angefeindet.
Aber mit den Jahren bewegten sich die Meinungen. Zuerst schlossen sich nur die mutigsten bürgerlichen Frauen den Forderungen an. Doch bald folgten weitere Frauen (und Männer). Und allmählich wurden die Ideen, die einst unter «Links-Ideologie»-Verdacht standen, mehrheitsfähig.
So entsteht Fortschritt: Es braucht eine Spitzengruppe, die vorauseilt. Und es braucht Zeit, damit das Feld aufholen kann.
Damit liegt es in der Natur dieses Prozesses, dass es Phasen gibt, in denen die Allianzen breit sind und der Konsens dominiert. Und dass es dann wiederum Zeiten gibt, in denen die Ansichten weiter auseinanderliegen und das Verhältnis untereinander konflikthafter ist. Es braucht beide Phasen. Beide haben im langen Prozess des Fortschritts ihre wichtigen Rollen.
Denn Fortschrittlichkeit ist immer vorläufig. Sie hat ein Verfalldatum, wenn sie nicht ständig neu erdacht und erstritten wird. Wer in den 1990er-Jahren für die Cannabis-Entkriminalisierung einstand, durfte sich fortschrittlich fühlen. Wer sich aufgrund dieser Position noch heute für fortschrittlich hält, täuscht sich dagegen. Natürlich ist diese Position weiterhin richtig, doch fortschrittlich ist sie nicht mehr. Sie ist Mainstream.
Wenn der Fortschritt weitergehen soll, braucht es immer wieder neue Efforts. Fortschrittlichkeit verlangt Beweglichkeit.
Das Momentum
Das führt mich einerseits zum Streik zurück. Die linken Frauen, die mit ihren angeblich so schrillen Ideen den Streik gekapert haben sollen: Sie sind nichts weniger als ein Motor des Fortschritts. Sie sind die legitimen Nachfolgerinnen jener Frauen, die vor Jahrzehnten für Kitas und Tagesschulen gekämpft hatten und dafür beschimpft wurden.
Andererseits lässt mich die Frage nach dem Wie und Wo des Fortschritts an den letzten Sonntag denken: ans Ja zum Klimaschutzgesetz, das schlussendlich deutlicher ausgefallen ist als befürchtet, was mich natürlich sehr gefreut hat.
Gut möglich, dass wir in der Klimapolitik aktuell jenes Momentum erleben, das den Frauenstreik 2019 ausgezeichnet hatte: nämlich den Moment, in dem eine breite Fortschrittsallianz Wirkung zu entfalten vermag. Der Moment, wo das Feld aufgeschlossen hat und damit eine Kraft entstanden ist, welche den Fortschritt mehrheitsfähig macht.
Was wir am Sonntag beschlossen haben, wäre vor zehn Jahren noch chancenlos gewesen. Als «schrill» und «links-ideologisch» hätten die bürgerlichen Parteien die Bestimmungen tituliert, der nun eine klare Mehrheit zugestimmt hat. Und zwar, wenn ich mir die Karte des Kantons Zürich anschaue: längst nicht nur in den links-grünen Städten. Das Klimaschutzgesetz obsiegte auch in ganz und gar bürgerlich dominierten Agglomerations- und Landgemeinden.
Genauso wie in der Gleichstellungspolitik wird es auch in der Klimapolitik wieder Momente geben, wo das Feld und die Spitzengruppe weiter auseinanderliegen und damit die Allianz und das Einvernehmen brüchiger sein werden. Doch auch dann wird gelten, was heute zum feministischen Streik gilt: Mensch ärgere dich nicht! Im Gegenteil: Freuen wir uns! Offenbar ist der Fortschrittsprozess in Bewegung.
Dieser Text erschien leicht gekürzt im «Tages-Anzeiger»
Bild: Der feministische Streik vom 14. Juni 2023 – schrill? Fortschrittlich! (Foto zvg)

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