Zum Schluss einer Woche, die politisch im Zeichen der Nachbearbeitung des bundesrätlichen Nominationsprozederes gestanden ist, liegen mir noch ein paar Bemerkungen aus Zürcher Sicht am Herzen.
Daniel Jositsch ist ein beliebter, kompetenter und erfolgreicher Ständerat, der den Kanton Zürich ausgezeichnet in Bern vertritt. Er wäre ohne Zweifel auch ein guter, starker Bundesratskandidat gewesen.
Die SP-Fraktion hat anders entschieden und aus einem beeindruckenden Feld von Kandidierenden zwei andere Vertreter nominiert. Beide sind ebenfalls gut und stark.
So läuft Politik.
Zürcher Lamento
Erstaunlich an diesem Vorgang ist einzig das Lamento in der Zürcher Medienlandschaft über die Nicht-Nomination des Zürcher Ständerats. In den Tamedia-Zeitungen, die dieses Lamento kräftig mitbewirtschaftet haben, hat zwar inzwischen ein Redaktor (bezeichnenderweise einer mit Basellandschaftlichen Wurzeln) das Gejammer wohltuend hinterfragt.
Erledigt ist das Thema damit aber nicht. Denn das Klagen über die angeblich so schnöde Nichtnomination des Zürcher Kandidaten hat etwas Symptomatisches.
Gäbe es einen Wettbewerb, wer den Anti-Zürich-Reflex am wirkungsvollsten und dauerhaftesten verankern kann, hätten ihn die Zürcher Medienhäuser in den letzten Tagen gewonnen. Und hätte die nicht-zürcherische Schweiz je noch einen Grund gebraucht, um Zürich gegenüber reserviert zu sein, hätten sie ihn in den Kommentaren zu Jositschs Ausscheiden aus dem Bundesratsrennen gefunden.
Der fähigste Kandidat wird abgestraft. Wieder einmal zeigt Bundesbern, dass es keine starken Figuren mag. So oder ähnlich schrieben die hiesigen Medien.
Antwort auf das Selbstbild
Dass die Zürcher Medien den Zürcher Kandidaten zum Überkandidaten stilisieren, sagt einiges aus über die Zürcher Selbstwahrnehmung.
Offenbar ist in den Medienhäusern das Bewusstsein tief verankert, man sei als Zürcherin oder Zürcher etwas Besonderes, weshalb der «eigene» Kandidat Anspruch auf eine Vorzugsbehandlung habe.
Zürich ist stark und wichtig. Allerdings nicht nur aufgrund eigener Leistungen, sondern auch dank Privilegien. Um solche handelt es sich zum Beispiel bei den teuren Wohnlagen und den damit verbundenen Steuereinnahmen.
Der Anti-Zürich-Reflex ist nicht die Antwort auf die Leistungen Zürichs. Er ist die Antwort auf das Selbstbild, etwas Besseres zu sein. Genau dieses Bild wurde diese Woche in den Zürcher Medien wieder einmal genährt.
Bild: Hier wählt die Vereinigte Bundesversammlung am 13. Dezember einen neuen Bundesrat (Quelle Pixabay)

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