Wenn sich die Bevölkerungszahlen von Südkorea so weiterentwickeln wie bisher, wird das Land in 100 Jahren ausgestorben sein. Was das uns angeht? Ziemlich viel. Die Stadt Zürich schliesst erste Kindergärten. Auch wir gehen der Entvölkerung entgegen. Die Schweiz wird Migranten bald nicht mehr abwehren, sondern mit Geld anlocken.
Die magische Zahl mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung ist 2,1. So viele Kinder sollten die Frauen im Durchschnitt bekommen, wenn die Bevölkerungszahl stabil bleiben soll. In der Schweiz sind wir davon allerdings weit entfernt. Die sogenannte Fertilitätsrate lag 2024 bei 1,28. Und wir sind damit nicht allein. Abgesehen von seltenen Ausnahmen schrumpfen die westlichen Gesellschaften. Und nicht nur die: Auch China, Indien, der Iran oder selbst Länder in Nordafrika weisen Geburtenraten deutlich unter 2,1 auf. Wir leben im Zeitalter der Entvölkerung. Auch hier bei uns in Mitteleuropa: In Deutschland verwaisen Dörfer und für Bella Italia sagen die Demografen ein Schrumpfen der Bevölkerung von heute 59 auf 37 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner bis ins Jahr 2060 voraus.
Es fehlt eine halbe Million Arbeitskräfte
Was können wir tun? An Rezepten von vorgestern weiterwerkeln, wie das die SVP tut – Stichwort: «Keine 10-Millionen-Schweiz!»? Eher nicht. Wenn auch alle Länder um uns herum händeringend nach Pflegepersonal, IT-Fachleuten, Metzgern, Bäckerinnen oder Personal fürs Gastgewerbe suchen, wird es ebenso für die Schweiz schwierig. Die Unterversorgung wird kommen. Der Wirtschaftsverband Economiesuisse rechnet damit, dass der Schweiz in zehn Jahren eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen werden. Deutschland rechnet mit 7 Millionen fehlenden Arbeitskräften in zehn Jahren.
Am Beispiel von Japan sehen wir, was passiert, wenn es so läuft, wie aktuell in der Schweiz. Sprich, wenn die ansässige Bevölkerung schrumpft und die Zuwanderung gleichzeitig stark beschränkt bleibt: Die Wirtschaft stagniert und die Gesellschaft vergreist. Und es wird auch nicht so sein, dass sich das Problem eines Tages einfach so löst, weil die Frauen vielleicht wieder einmal mehr Lust haben, Kinder grosszuziehen. Die Frauen, die diese Kinder gebären könnten, gibt es nicht: Sie sind selber nicht geboren worden.
Viele Länder schrumpfen
Die Demografie erklärt uns, dass die Weltbevölkerung im laufenden Jahrhundert ihren Höchststand erreichen wird. Länder wie China, Japan, Russland oder Deutschland haben die höchsten Einwohnerzahlen bereits hinter sich, viele weitere Länder werden folgen. Langfristig stellen sich uns ganz neue Fragen: Wer pflegt die Alten? Wie finanzieren wir die Sozialwerke, die davon ausgehen, dass viele Junge wenige Alte finanzieren? Sollen wir noch Geld ausgeben für die Infrastruktur in Landstrichen, in denen kaum noch jemand wohnt? Die Schweiz ist ein reiches Land. Die Probleme, die die Entvölkerung mit sich bringt, werden hier vermutlich später und auch weniger heftig auftreten. Aber die weltweite Entvölkerung wird auch die Schweiz massiv betreffen. Wir haben interessante Diskussionen vor uns.
Es gibt zwei Lösungen: Familienfreundliche Politik und Zuwanderung
Kurz und mittelfristig gibt es zwei Mittel gegen die Entvölkerung: Familienfreundliche Politik und die Förderung der Einwanderung. Die Bedürfnisse der Familien kennen wir: Erschwingliche Kita-Plätze führen nachweislich zu höheren Geburtenzahlen, mehr Elternzeit nach der Geburt eines Kindes, flexible Arbeitszeiten und eine gleichberechtigte Verteilung von Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen: Sie erhöht die Beteiligung der Frauen am Arbeitsprozess. Die Frauen erhöhen unter diesen Voraussetzungen vor allem ihre Pensen und investieren mehr in ihr berufliches Fortkommen. Das alles wird die faktische Entvölkerung der Welt nicht ungeschehen machen, aber zumindest in der Schweiz verlangsamen.
Lösungsweg zwei, die Zuwanderung: Wie alle anderen Industriestaaten versucht auch die Schweiz den Arbeitskräftemangel zu lindern, indem sie Arbeitskräfte aus dem Ausland anlockt. Das ist für einige Jahrzehnte sicher eine Lösung. Aber so wie bisher kann es mit der Migration nicht weitergehen. Erstens kostet die irreguläre Migration, wie wir sie heute erleben, Menschenleben. Migrantinnen und Migranten ertrinken im Mittelmeer. Andere erleben Fluchten voller Gewalt und treffen hier bei uns traumatisiert und psychisch angeschlagen ein.
Fair, gleichberechtigt, sicher
Ebenso muss ein weiterer Missstand verschwinden. Es kann nicht sein, dass die reiche Schweiz mit ihrem hohen Lohnniveau ärmeren Ländern dringend benötigte Arbeitskräfte, beispielsweise in der Pflege, wegschnappt, die diese mit viel volkswirtschaftlichem Aufwand ausgebildet haben.
Für mich ist klar: Freiwillige Immigration ja, aber nur in einem fairen, gleichberechtigt ausgehandelten und sicheren System. Und ein solches System ist möglich.
In den nächsten Jahrzehnten wird ein Grossteil der Migrationsbevölkerung aus den nach wie vor stark wachsenden afrikanischen Subsahara-Ländern kommen. Die Uno-Organisation für Migration geht davon aus, dass 2050 ein Drittel der weltweiten Erwerbsbevölkerung afrikanisch sein wird. Das Problem dieser Länder: Sie haben zu viele Menschen für zu wenig Arbeit. Das Problem unserer Länder: Zu viel Arbeit bei zu wenig Arbeitskräften. Diese zwei Befunden müssen wir zusammen denken. Länder des Südens und des Nordens sollen und können auf diesem Feld fair und transparent zusammenarbeiten.
Es gibt gute Beispiele
Ein gemeinsames Projekt von Deutschland und Nigeria zeigt, wie es gehen kann. Deutschland baut in Nigeria Ausbildungszentren für verschiedene Berufe. Junge Nigerianerinnen und Nigerianer bilden sich aus. Manche von ihnen bleiben in Nigeria und steigen dort in die Arbeitswelt ein, andere folgen dem Werben von Deutschland und treffen dort als hochwillkommene Arbeitskräfte ein. Und der dritte positive Punkt: Die gefährliche Migration fällt weg. Drei Parteien profitieren: Nigeria bekommt Ausbildungszentren und profitiert von deutschem Knowhow, Deutschland gewinnt Arbeitskräfte und die Beteiligten bekommen Wahlchancen.
Migrationspolitik wird sich grundlegend verändern
Es ist also absehbar: Es wird in Europa einen Wettbewerb um afrikanische Talente geben. Spätestens, wenn offensichtlich ist, dass wir kein Personal mehr haben, das unsere alten Mitmenschen pflegt, wenn niemand mehr unsere Strassen repariert und unsere Firmen stagnieren, weil es zum Beispiel an IT-Fachleuten fehlt. Spätestens dann wird sich unsere Migrationspolitik grundlegend verändern. Wir werden Menschen suchen und nicht mehr abwehren. Es dürfte so weit kommen, dass wir Migranten nicht mehr wie heute das Leben schwer machen, sondern sie mit Geld zu uns locken. Länder, die einen fairen und attraktiven Umgang mit Migration pflegen und die Herkunftsländer entschädigen, werden einen Wettbewerbsvorteil geniessen.
Bleibt die Frage nach der langfristigen Perspektive. Denn wie in sehr vielen Ländern der Welt dürften auch in Afrika die Geburtenzahlen mittelfristig sinken. Was dann?
Wir brauchen Konzepte fürs Schrumpfen
Das Besondere am Phänomen der Entvölkerung ist, dass wir damit keine Erfahrung haben. Unsere wirtschaftlichen und politischen Konzepte gehen seit Jahrhunderten von Wachstum aus, alles soll schneller, grösser, schöner, besser, reicher sein. Gesamtgesellschaftliche Konzepte zum Schrumpfen, zum Abbauen, zum Verzichten haben wir noch keine.
Daran müssen wir arbeiten – und zwar schnell. Denn es wird nicht erst in einer fernen Zeit die Bevölkerungsentwicklung sein, die uns vor diese Herausforderung stellt. Schon heute verlangt die Klimasituation von uns, dass wir handeln. Oder besser: dass wir verzichten.

Wie alle Artikel von Frau Fehr scheint mir auch dieser ein mutiger Artikel zu sein, der Dinge sagt, die sich sonst niemand zu sagen traut, und der gegen den Strom schwimmt (positiv über Migration zu sprechen ist heute Ketzerei!).
Außerdem ist er langfristig angelegt, was in der Politik sehr selten ist. Sozialwissenschaftler sprechen von der Demografie als einer Zeitbombe, über die niemand spricht, die aber, wenn sie explodiert, alles verändert. Es ist eines der wenigen Werke, die ich in letzter Zeit gelesen habe, das einen globalen Ansatz verfolgt und die Herkunfts- und Aufnahmeländer nach derselben Logik behandelt.
Ein letzter sehr interessanter Aspekt ist der systematische Ansatz des Artikels, der die Ursachen in den Mentalitäten aufzeigt und uns den Boden des Eisbergmodells ebnet. Hervorragend!