Alle mögen Innenstädte mit wenig Verkehr und viel Lebensqualität. Trotzdem reagiert das bürgerliche Lager auf jede Verkehrsberuhigungsidee – zum Beispiel um den Zürcher Hauptbahnhof – mit lautem Protest. Das ist skurril.
Der Tagi zeigte kürzlich eine eindrückliche Vorher-Nachher-Galerie – eine Galerie von Strassen, Plätzen und Quartieren, die einst Gefangene des Strassenverkehrs waren, dann jedoch von den Autos befreit und so zu Sinnbildern von urbaner Lebensqualität wurden.
Die Galerie umfasst – zum Beispiel – die Zürcher Weststrasse, Schwamendingen mit der eingehausten Autobahn oder den Berner Bundesplatz. In allen Fällen gilt: Die Verkehrsberuhigung machte aus Schandflecken städtebauliche Juwelen.
Persönlich mag ich mich gut daran erinnern, wie in Winterthur jahrelang über eine autofreie Altstadt diskutiert wurde. Nichts weniger als der Niedergang des Gewerbes wurde prognostiziert. Heute gehört die Winterthurer Marktgasse in der Schweiz zu den Einkaufsmeilen mit der höchsten Besucher:innenfrequenzen. Zudem zeigte sich in den vergangenen Jahren: Das Gewerbe profitiert von der Verbannung der Autos.
Glückliche Planungsleichen
Egal, ob es um die Bedingungen für das Gewerbe oder um die Lebensqualität in den Städten geht: Wer wünscht sich den früheren Zustand zurück? Wer will die Autos wieder auf dem Bundesplatz oder in der Winterthurer Altstadt? Ich pokere nicht sehr hoch, wenn ich die Behauptung aufstelle: sehr, sehr wenige bis niemand.
Ebenso wenige dürften bedauern, dass einige der so grössenwahnsinnigen wie rücksichtslosen Strassenprojekte der Nachkriegsjahrzehnte Planungsleichen geblieben sind. Zum Beispiel das Zürcher Autobahn-Ypsilon mit einem Verkehrsdreieck bei der Badi am Oberen Letten oder eine vierspurige Hochleistungsstrasse entlang des rechten Zürichsee-Ufers unterhalb des Pfannenstiels.
Wie erholsam und beglückend verkehrsfreie oder zumindest -beruhigte Stadträume sind, erleben wir auch auf Reisen. Schliesslich zieht es uns auf Städtereisen sofort in die entsprechenden Quartiere. Städte, die Vorreiterinnen bei der Verbannung des Individualverkehrs sind – zum Beispiel Barcelona, Kopenhagen oder das belgische Gent –, nehmen wir als besonders attraktiv wahr.
Ineffizienter Autoverkehr
Dabei punkten zukunftsweisende Städte nicht nur bei den «weichen» Faktoren – also bei unserem Empfinden. Sie haben ebenso die «harten» Fakten auf ihrer Seite: In Wien hat eine Studie ermittelt, dass in der Stadt zwar nur 27 Prozent aller Wege per Auto zurückgelegt, dass aber 65 Prozent der Stadtfläche für Strassen und Parkplätze genutzt werden. Der Autoverkehr ist also höchst ineffizient.
Und doch ist jede verkehrsberuhigende Massnahme ein Triggerpunkt, der das bürgerliche Lager zuverlässig in Wallung bringt.
Eine grossartige Idee
Nehmen wir die unlängst vorgestellten Ideen des Zürcher Stadtrats zur Verkehrsbefreiung beim Hauptbahnhof Zürich. Eine grossartige Idee mit gewaltigem Potenzial. Ihre Umsetzung würde Zürich noch lebenswerter und attraktiver machen. Und gewiss würde – wäre sie bereits realisiert – auch hier niemand mehr der früheren (also heutigen) Situation nachtrauern.
Trotzdem reagiert das bürgerliche Zürich auch auf diese Idee mit Zetermordio.
Um es mit Populärpsychologie zu versuchen: Ich glaube, die bürgerliche Seele leidet diesbezüglich an einer Form von politischer Schizophrenie. Man weiss eigentlich ganz genau, wie grossartig es ist, wenn wir urbane Räume zurückerobern beziehungsweise imposante Landschaften vor der Verschandelung bewahren. Jedenfalls kenne ich weder einen NZZ-Journalisten noch eine bürgerliche Politikerin, die sich auf ihren Städtereisen besonders gerne an dicht befahrenen Strassen aufhalten und die Fussgängerzonen meiden.
«Freie Fahrt für freie Bürger»
Dass dieses Eingeständnis im bürgerlichen Lager nicht oder nur verknorzt möglich ist, dürfte mit dem Umstand zu tun haben, dass das Privatauto in diesen Kreisen halt noch immer das ideologisierte Symbol von Freiheit und Individualität ist – und deshalb durch alle Böden und wider besseres Wissen verteidigt wird.
Also diskreditiert man das Engagement von Verkehrsberuhigern und -beseitigerinnen als linke Anti-Auto-Obsession und sauertöpfisch-lustfeindlichen Verhinderungsaktivismus, obschon man sich – auch im bürgerlichen Zürich – sehr wohl bewusst ist, was man diesem Engagement zu verdanken hat. Eben: Lebensqualität und Attraktivität.
Dass die Argumentation im bürgerlichen Hoforgan mitunter etwas abenteuerlich ausfällt, muss man vor dem Hintergrund dieser Gemengelage verstehen. O-Ton NZZ zu den HB-Plänen des Stadtrats:
«Es sind alte Träumereien der Juso, die sich das Establishment im Stadtrat zu eigen gemacht hat. Alles für den öV, für Fussgänger und Velofahrer. Kein Gespür für die Realitäten in einer grossen Stadt, wenig Sinn für Andersdenkende. Der Individualverkehr und das spedierende Gewerbe werden ausgegrenzt. Die ungute Mischung linker Dogmen zeigt sich deutlich. Dennoch darf man festhalten: Die Pläne der rot-grün dominierten Stadtregierung zur radikalen Verkehrsberuhigung am HB haben etwas für sich.»
Eine Pirouette vor- und eine rückwärts im selben Atemzug: Eine beeindruckende Leistung, die aber nicht über die Skurrilität hinwegtäuschen kann, die der bürgerlichen Individualverkehr- und Parkplatz-Verteidigungsrhetorik zugrunde liegt.
Die Kehrseite in den Griff bekommen
Skurril ist diese Rhetorik erstens, weil sie hartnäckig weiterlebt, obschon sie den Bürgerlichen offensichtlich nicht gut bekommt. Sie verlieren in der Stadt Zürich bereits seit Jahrzehnten Wahl und Wahl. Zweitens, weil zu den grössten Profiteuren der gestiegenen Lebensqualität nicht zuletzt jene Kreise gehören, deren Verbände und Vertreter am lautesten gegen Rot-Grün wettern: die Haus- und Grundeigentümerinnen.
Wer in Zürich ein Haus besitzt, hat dank der Aufwertung der Stadt gigantisch viel dazuverdient. Umso wichtiger ist es, dass wir diese problematischen Folgen der Aufwertung politisch in den Griff bekommen. Dazu habe ich mich hier in einem anderen Blogbeitrag bereits einmal geäussert. Dem gibt es nichts beizufügen.
Foto: Alle würden es geniessen, wäre dieser Platz beim HB Zürich autofrei – und niemand würde sich nach der heutigen Situation zurücksehnen. (Quelle PD)

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