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jacqueline-fehr.blog - Blog von Jacqueline Fehr

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Trauen Sie sich!

16. Juli 2021 Kommentar schreiben

Heute endet ein – erneut – aussergewöhnliches Schuljahr. Zum zweiten Mal stand ein Schuljahr im Zeichen der Pandemie. Für die Jugendlichen bedeutet Corona Verzicht, Einschränkung und Entbehrung. Umso mehr möchte ich ihnen für ihre Solidarität und ihr Durchhalten danken – mit ein paar Gedanken zum letzten Schultag.

Die sozialen Folgen, welche Corona mit sich brachte: das weitgehend still gelegte Freizeit- und Ausgangsleben, die pausierenden Sportclubs, die reduzierten Kontaktmöglichkeiten und erschwerten Auslandreisen – alle diese Auswirkungen der Pandemie trafen in ganz besonderem Mass die Jugendlichen.

Sie, die doch das Leben und dessen Möglichkeiten erkunden möchten. Und dazu von einer Covid-Erkrankung nur wenig zu befürchten haben.

Oftmals, wenn mir auf der Strasse oder in der S-Bahn Jugendliche begegneten, dachte ich an meine eigenen Jugendjahre zurück. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich damals mit einer solchen Situation umgegangen wäre. Es brauchte wenig Fantasie, um mir bewusst zu machen: Das Einschränken wäre mir nicht leichtgefallen.

Umso grösser ist mein Respekt vor den Jugendlichen. Sie haben mit viel Disziplin und Solidarität durchgehalten. Dafür sollten wir den jungen Menschen sehr dankbar sein – wir alle als Gesellschaft und ganz besonders die älteren Menschen unter uns.

Ich habe mich daher sehr gefreut, als mich – in meiner aktuellen Rolle als Regierungspräsidentin – die Kantonsschule Enge anfragte, ob ich an die diesjährigen Maturandinnen und Maturanden einige Worte richten möchte. Es war für mich die Möglichkeit, den Jugendlichen etwas zurück zu geben.

Nun gibt es neben den Maturandinnen und Maturanden der Kanti Enge viele andere Jugendliche, die am heutigen Schulschlusstag an der Schwelle zu etwas Neuem stehen – einige stehen gar vor einer grösseren Veränderung.

Allen Jugendlichen gemeinsam ist, dass sie ein anspruchsvolles Jahr hinter sich haben und auch in den nächsten Monaten noch mit Unwägbarkeiten umgehen müssen. Deshalb möchte ich mich zum Ferienbeginn an die ganze junge Generation wenden.

…

Liebe Jugendliche

Es gehört zum Wesen des Jung-Seins, dass man Fragen über Fragen beantworten muss. Mathematische Probleme lösen, die Französische Revolution erklären, über Goethe, Genetik und Grammatik Bescheid wissen zu müssen: Das kennen Sie aus Ihrem Schul-Alltag zur Genüge.

Damit ist es höchste Zeit, den Spiess einmal umzudrehen. Das heisst: Höchste Zeit, dass Sie die Fragen stellen und wir Älteren uns um Antworten bemühen.

Ich habe daher etwas herumgefragt und einige Fragen eingesammelt, auf die junge Menschen in Ausbildung gerne eine Antwort hätten. Auf drei möchte ich kurz eingehen.

…

Was haben Sie in der Schule fürs Leben gelernt?

Ich habe mir diese Frage seinerzeit auch gestellt.

Es sind – so glaube ich im Rückblick – vor allem zwei Dinge, die ich nicht nur, aber auch der Schule verdanke: die Neugier und der kritische Geist – kritisch der Welt gegenüber, und kritisch auch mir selber gegenüber. Beides sind wichtige Voraussetzungen für das Denken.

Die Schule hat den Anspruch, junge Menschen im Denken auszubilden. Und ich glaube, sie löst diesen Anspruch auch ein. Nur: Was heisst das eigentlich? «Im Denken auszubilden»?

2005 hat David Foster Wallace, ein viel zu früh verstorbener amerikanischer Schriftsteller, vor College-Absolventen eine berühmte Rede gehalten. Er sagte darin etwas Bedenkenswertes:

Der wirklich wichtige Teil in der Ausbildung zum Denken betreffe nicht die Fähigkeit zu denken, sondern die Entscheidung, über was wir denken, das heisst nachdenken wollen.

Im Normalfall entscheiden wir uns, über das nachzudenken, was wir selber wahrnehmen. Foster Wallace nennt dies unsere «Standardeinstellung». Schliesslich sind wir von Natur aus ich-bezogen, weil wir die Welt notwendigerweise aus unserer eigenen Perspektive wahrnehmen.

Aber ist unsere eigene Wahrnehmung immer die richtige?

Foster Wallace macht zwei Beispiele: Ein SUV-Fahrer schneidet uns mit überhöhter Geschwindigkeit den Weg ab. Eine Mutter schnauzt in der Öffentlichkeit ihr Kind an. Beide empören uns – und das mit gutem Grund.

Und doch: Es könnte ja sein, dass der SUV-Fahrer ein verletztes Kind auf dem Rücksitz hat und dieses ins Spital fahren muss. Und dass die Mutter drei Nächte lang nicht geschlafen hat, weil sie ihrem schwer kranken Mann die Hand gehalten hat.

Beides ist eher unwahrscheinlich. Aber nicht ausgeschlossen.

Und darum geht es: Wir haben die Wahl, ob wir uns stets automatisch sicher sind, was Sache ist. Oder ob wir bereit sind, zu zweifeln. Ob wir bereit sind, Alternativen zuzulassen. Uns nicht automatisch der «Standardeinstellung» zu unterwerfen, sondern selber darüber zu entscheiden, wie wir die Dinge sehen wollen und über was wir nachdenken wollen: Das ist gelebte Freiheit.

David Foster Wallace mahnt allerdings: Diese Freiheit gibt’s nicht gratis. Sie erfordert Aufmerksamkeit, Offenheit, Bemühen und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen.

Damit wir uns richtig verstehen: Auch ich funktioniere oft in der «Standardeinstellung». Aber vielleicht gelingt es uns ja ab und zu, diese zu überwinden. Die Neugier und der kritische Geist sind gute Helferinnen.

In diesen Fähigkeiten hat mir die Schule erste Trainingseinheiten ermöglicht. Das habe ich in der Schule fürs Leben gelernt.

…

Wird man im Leben klüger?

Was heisst schon klug?

In der Schule zählt ja eigentlich nur eine Klugheits-Skala: Note 6 bedeutete sehr klug; Note 1 bedeutete nicht-so-klug. Das ist – wir wissen es alle – eine ziemlich fantasielose Skala.

Ich glaube allen Lehrerinnen und Lehrern, dass sie es wirklich so meinen, wenn sie ihren Schülerinnen und Schülern versichern, gute Noten seien nicht alles im Leben. Bloss entscheiden dann am Ende halt doch die Noten darüber, ob man in die nächste Klasse kommt oder nicht.

Wenn Sie mich also fragen, ob man im Leben klüger wird, wäre die Antwort: Kommt drauf an, ob es einem gelingt, sich aus dem klassischen, von Leistungs-Logik und Noten-Skala dominierten Denken zu befreien.

Das heisst: Wirklich klüger geworden ist, wer nicht nur gemerkt hat, dass es verschiedene Arten von Klugheit gibt, sondern diese Erkenntnis auch wirklich umsetzt.

Damit schliesse ich an das an, was ich bereits gesagt habe: Für mich handelt klug, wer sich die Freiheit zum Selber-Denken nimmt, wer sich immer mal wieder den Automatismen der «Standardeinstellung» entzieht, wer also die Überzeugung vorlebt, dass das Offensichtliche nicht zwingend das Richtige ist.

Ich kann es auch kürzer sagen – als einfachen, aber innigen Wunsch an Sie:

Trauen Sie sich!

Ja!

Trauen Sie Ihrem Denken, Ihren Zweifeln, Ihren Wünschen!

Trauen Sie sich etwas zu!

Trauen Sie sich, Verantwortung zu übernehmen – für sich selber und für andere!

Trauen Sie sich, Sie selbst zu sein.

Ich wünsche mir – oder besser: Ihnen – diesen Mut umso mehr, weil er Entdeckungen ermöglicht.

Denn es braucht Selbstbewusstsein, um sich auf andere und anderes einlassen. Auf andere Menschen, andere Kulturen, andere Denkweisen.

Mutig und selbstbewusst sein und dazu auch noch offen und neugierig bleiben: Das ist manchmal anstrengend. Aber es ist immer lohnend. Und ja, mit dieser Haltung wird man im Leben klüger.

…

An was haben Sie in der Schule noch geglaubt – und heute nicht mehr?

Die Frage lässt mich an einen Spruch denken, den man zu hören bekommt, wenn man sich auch vom Älterwerden nicht davon abbringen lässt, von links auf die Welt zu blicken. Er soll von Winston Churchill stammen: «Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 noch immer Kommunist ist, hat keinen Kopf.»

Mal abgesehen davon, dass ich weder mit 20 noch mit 40 Kommunistin war: Mich ärgert der Spruch ein bisschen. Er ärgert mich vor allem deshalb, weil er besagt: Wer sich selber treu bleibt, ist auf dem Holzweg. Die flexible politische Identität ist aus dieser Optik dagegen so etwas wie das löbliche Gegenstück.

Selbstverständlich ist Flexibilität wichtig. Natürlich sollten wir uns stets hinterfragen. Natürlich müssen wir offen sein für neue Erfahrungen. Und: Klar dürfen wir nie aufhören, lernen zu wollen.

Das bringt es mit sich, dass auch ich im Lauf der Jahrzehnte ein paar Hoffnungen begraben und mich von ein paar Illusionen verabschiedet habe. Ich habe aber auch ein paar neue entdeckt!

Und deshalb möchte ich hier – gerade weil sich in Ihrem jugendlichen Leben viel am Bewegen ist – zum Schluss ein kleines Plädoyer für die Treue halten. Oder besser: Für das Sich-treu-bleiben. Denn wichtiger als die Frage, an was ich nicht mehr glaube, finde ich die Frage, was so stark und prägend ist, dass ich damals daran geglaubt habe und heute noch immer daran glaube.

Ich glaube an die Möglichkeit der Veränderung, an die Gestaltbarkeit unserer Lebensumstände, an die Kraft der Leidenschaft und an die Macht der Emanzipation.

Und so hoffe ich und wünsche ich Ihnen, dass Sie sich – erstens – nicht davon abbringen lassen, die Verhältnisse verändern zu wollen. Verändern-Wollen, Mitgestalten-Wollen, die Welt zu einer besseren machen zu wollen: Das ist nicht nur möglich. Es ist nötig.

Ich wünsche Ihnen zweitens, dass Sie sich die Leidenschaft nicht nehmen lassen. Wer sich mit Haut und Haar einer Sache, einer Passion, einer Überzeugung hingibt, ist verletzlich. Enttäuschungen kommen so sicher wie der nächste Winter. Darum ist es kein Zufall, dass im Wort «Leidenschaft» das Leiden bereits enthalten ist.

Doch gleichzeitig lassen sich mit Leidenschaft Berge versetzen. Das brauchen wir.

Drittens wünsche ich Ihnen, dass Sie gegenüber Konventionen und Erwartungen misstrauisch bleiben. Emanzipation ist ein anderes Wort für Selbstermächtigung. Man könnte auch sagen: ein anderes Wort für «Ich will und kann selber entscheiden. Ich will und kann Verantwortung tragen, gewissenhaft und rücksichtsvoll». Auch das brauchen wir.

Ich zähle auf Sie.  

…

Und nun wünsche ich Ihnen schöne Ferien. Das haben Sie sich verdient. Und dann haben Sie sich noch etwas verdient: das Beste für alle künftigen Schritte.

Und so möchte ich Ihnen ein Zitat auf den Weg mitgeben und zwar noch einmal eines von David Foster Wallace. Der Wunsch soll Sie begleiten: «Ich wünsche Ihnen weit mehr als Glück.»

Bild: Mit Mut, Leidenschaft und Vertrauen in die Zukunft. (Quelle Pixabay)

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