
Litigation PR ist auch bei uns am Kommen. Unsere Aufmerksamkeit und unser Scharfsinn sind gefragt.
Haben Sie es auch gelesen, das Interview mit Beat Stocker kürzlich in der NZZ am Sonntag? Beat Stocker ist neben dem ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz einer der Beschuldigten in einem Wirtschaftsprozess, der am Bezirksgericht Zürich Ende Januar eröffnet wird.
Interessant an diesem Interview war weniger das, was Stocker zu Protokoll gab. Bemerkenswert ist vielmehr die Tatsache, dass sich ein Beschuldigter kurz vor einem Prozess auf drei vollen Zeitungsseiten erklärt. Warum tut er das – nach Jahren des Schweigens?
Die vollständige Antwort kennen selbstverständlich nur Beat Stocker und sein Umfeld. Man liegt als Beobachterin aber wohl nicht völlig falsch, wenn man annimmt, dass es sich bei diesem Interview um einen klassischen Fall von sogenannter Litigation PR handelt.
Image korrigieren
Litigation PR hat ihren Ursprung in den USA. Zentrale Akteure der Litigation PR sind Anwälte und spezialisierte Kommunikationsunternehmen. Ihr Ziel ist es, den Ruf eines Beschuldigten in einem Strafverfahren zu schützen und sein Image in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Stocker selber sagt im Interview, er gelte in der Öffentlichkeit wohl als «irgend so ein smarter Berater und Einflüsterer von Herrn Vincenz». Vier Jahre lang habe er der Staatsanwaltschaft zu erklären versucht, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe falsch seien. Das habe nicht funktioniert. Im Interview wolle er jetzt solche falschen Deutungsversuche richtigstellen.
Dagegen ist im Grundsatz nichts einzuwenden. Alle, auch diejenigen, die vielleicht gegen Recht verstossen haben, haben das Anrecht darauf, dass ihre Argumente gehört werden.
Dennoch wollen wir nicht naiv sein. Wenn Angeschuldigte plötzlich von Offenherzigkeit übermannt werden, dann ist das selten das Resultat von Reue oder hartnäckiger journalistischer Arbeit, sondern schlicht ein gut überlegter und bis ins Detail vorbereiteter Winkelzug eines Berater-Teams, das sich eine passende Plattform für die Publikation gesucht hat. Da wird dann ein Bild von Vorgängen und Personen gezeichnet, das dem Beschuldigten in die Hände spielt. Vollständigkeit ist keine Pflicht.
Und: Es ist klar, dass das Mittel der Litigation PR nur Menschen zur Verfügung steht, die sie sich leisten können. Das macht diese Form der Interessenvertretung auch nicht sympathischer.
Litigation PR kann wirken
Ziel solcher PR-Offensiven als Begleitung von juristischen Auseinandersetzungen ist es üblicherweise, die Deutungshoheit zu gewinnen. Und sie können offenbar durchaus wirken: Studien aus Deutschland weisen darauf hin, dass Litigation PR das Strafmass oder den Ausgang von Vergleichen beeinflussen kann.
Zudem spielen Strafverfahren auf verschiedenen Bühnen: Die eine ist im Fall Stocker/Vincenz das Bezirksgericht Zürich. Die andere ist die Bühne der Öffentlichkeit – der sogenannte court of public opinion. Auf dieser Bühne kann ein Angeschuldigter mit einer geschickten Selbstdarstellung durchaus punkten, ungestört seine Geschichte erzählen, sich als cleveren Geschäftsmann präsentieren. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer «Erweiterung des Gerichtssaals mit anderen Mitteln». Im schlechten Fall werden Medien zu Hilfsstaatsanwaltschaften oder Hilfsanwälten.
Rollen offen legen
Fazit: Behalten wir einen klaren Blick! Angeschuldigte haben jedes Recht, sich zu verteidigen. Auch sie dürfen und sollen ihre Geschichte erzählen. Aber seien wir uns bewusst, dass hinter so manchen Recherchen, hinter manch einfühlsamem Interview, das uns den Sonntagmorgen versüsst, reine Taktik steckt. Und wäre es nicht an der Zeit, dass Medien offenlegen, von welchen PR-Büros die diskutierten Personen beraten werden?
Noch spielt die Litigation PR in der Schweiz keine entscheidende Rolle. Die Entscheide in juristischen Auseinandersetzungen fällen die Gerichte gestützt auf Strafuntersuchungen und das im internationalen Vergleich in hervorragender Qualität. Damit das so bleibt, braucht es Aufmerksamkeit. Und unseren Scharfsinn, der authentische Geschichten und Schönfärberei auseinanderhält.
Bild: Journalistinnen und Journalisten warten vor einem Gerichtssaal.
[…] Reaktion von Jacqueline Fehr auf das Stocker-Interview: Wir wollen nicht naiv sein!: https://jacqueline-fehr.blog/wir-wollen-nicht-naiv-sein/ […]