Die Brandkatastrophe von Crans-Montana erschüttert mich. Ich bin in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen. Gleichzeitig frage ich mich: Was lernen wir aus der Katastrophe? Fest steht für mich: Die Schuldigen zu ermitteln, ist wichtig, reicht aber nicht aus.
Vor zehn Tagen nahm ich in Zürich im Fraumünster am bewegenden Gedenkanlass für die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana teil. Am Abend habe ich mir die Trauerfeier in Martigny angeschaut. Seither habe ich mir mehrmals die einfühlsame und ehrliche Rede des Walliser Regierungspräsidenten Mathias Reynard angehört. Täglich schweifen meine Gedanken zu den Opfern und ihren Angehörigen. Ihr Leid und ihr Schmerz sind unvorstellbar und machen mich immer noch fassungslos.
Gleichzeitig geht das Leben weiter. Das ist gut so. Denn gerade wegen Crans-Montana müssen wir zurück in dieses Leben und uns ein paar Fragen stellen. Wir alle – die gewählten Behördenmitglieder, die Medienschaffenden und alle, die fürs Funktionieren unseres Gemeinwesens Verantwortung tragen – müssen uns fragen: Was ist da eigentlich passiert? Und wieso? Und was lernen wir daraus?
Es liegt mir fern, aus meiner Hors-Sol-Position heraus das Tun – und Nicht-Tun – der in Crans-Montana Involvierten zu beurteilen. Dies ist die Aufgabe der dafür zuständigen Stellen, also der Ermittlungsbehörden, der politischen Untersuchungsgremien und später der Gerichte.
Mir liegen mit etwas Abstand zum Geschehen drei Dinge am Herzen – ein Lob und zwei Feststellungen.
Beeindruckende Leistung
Das Lob gilt der Rettungsorganisation: Wie der Kanton Wallis und die ihn unterstützenden Stellen in den ersten Stunden des neuen Jahres eine leistungsfähige, reibungslos funktionierende Rettungsinfrastruktur aufgebaut haben, mit Ambulanzfahrzeugen, Helikoptern und Helfenden, alle in grosser Zahl: Das hat mich beeindruckt.
Ebenso stark war, wie rasch die Brandopfer in in- und ausländische Spitäler verteilt wurden. Überzeugend waren auch die ersten Auftritte der Walliser Kantonsbehörden in der akuten Krisensituation. Kurzum: In diesen ersten Stunden wurde hochprofessionell gearbeitet. Damit erreichten die Beteiligten, dass die Katastrophe nicht noch grösser wurde. Chapeau und danke!
Analyse statt Bashing!
Meine beiden Feststellungen betreffen den medialen Blick auf die Katastrophe.
Erstens: Aktuell ist Wallis-Bashing sehr en vogue. Nun ist es sicher richtig, die politische und soziale Kultur des Wallis auszuleuchten. Denn tatsächlich liegen die tieferen Ursachen solcher Ereignisse bei den Strukturen und nicht bei einzelnen Personen.
Überhebliches Wallis-Bashing ist aber gerade keine Analyse zum System. Und exakt hier liegt das Problem, wenn nun mit dem Finger aufs Wallis gezeigt wird. Denn die strukturellen Ursachen haben zu einem erheblichen Teil keinen kantonsspezifischen Hintergrund. Zum Beispiel war auch bei uns Brandschutz bis zur Unglücksnacht ein beliebtes Beispiel für all jene, die sich über die ach so schlimme Bürokratie und die ach so zahlreichen Auflagen im Bauwesen beklagten. Und auch bei uns hat wohl kaum jemals ein Beizer dem Brandschutz-Zuständigen Danke gesagt für die Kontrolle.
Indem man die Ursachen in den Bedingungen des Walliser Kantonskosmos’ sucht, tut man indirekt so, als hätten alle ausserhalb des Kantons eine weisse Weste. Das ist nicht so.
Der Blick auf die Strukturen
Damit komme ich zur zweiten Feststellung und auch hier geht es mir um den Blick auf die Strukturen. In der Medienberichterstattung zu Crans-Montana überstrahlt eine Frage alle anderen: Wer ist schuld? Einverstanden: Diese Frage muss nach Abschluss der Untersuchungen beantwortet werden. Das werden die Gerichte tun. Wir als Gesellschaft müssen dagegen nicht die Schuldigen, sondern die Verantwortlichen suchen. Und von denen hat es ein paar mehr.
Um sie – die Verantwortlichen – zu erkennen, brauchen wir die Medien. Sie haben als vierte Gewalt die Aufgabe, die Hintergründe des Systems auszuleuchten.
Damit kann man zusammenfassen: Schuldig gesprochen werden Einzelpersonen. Dies zu tun, ist nicht Aufgabe der Medien, sondern der Gerichte. Verantwortung hingegen bildet sich im System ab und entwickelt sich über eine lange Zeit. Die Verantwortlichen zu suchen, ist Aufgabe der vierten Gewalt, also der Medien.
Viele Fragen, und (noch) kaum Antworten
Deshalb irritiert es mich, wenn eine Zeitung zwei Verwaltungsfachleute mit Bild an den Pranger stellt. Die Kontrolleure! Die, die ihren Job nicht gemacht haben! Die, die sich gegen die mächtigen Gastrounternehmer nicht durchgesetzt haben!
Die journalistische Arbeit endet nicht, wenn man mögliche Akteure gefunden hat. Sie beginnt erst dann. Die grosse Frage lautet: Weshalb haben diese Verwaltungsfachleute ihre Aufgabe nicht erfüllt?
Es geht um das Umfeld, in dem sie ihre Arbeit machten. Wie wurden die Kontrolleure zum Beispiel von den politischen Behörden vor Angriffen aus dem Gewerbe geschützt? Welche Mittel standen ihnen zur Verfügung? Wie oft haben die Kontrolleure nach zusätzlichen Ressourcen gefragt und wie oft sind ihnen keine gesprochen worden? Welche politischen Kräfte zogen auf welche Seite? Wer wurde durch wen und welches Milieu mundtot gemacht? Mit welchen Mitteln? Wer hat darüber berichtet? Wer hat die Machenschaften aufgedeckt und welche Redaktion ist eingeknickt, weil jene, die das Sagen haben, finanziellen und politischen Druck auf die Chefredaktion ausgeübt hatten oder einfach mit dem Verleger im Rotary-Club sind?
Und: Gab es je einen Medienartikel, der die Arbeit der Verwaltungsfachleute lobte? Gab es je eine positive Berichterstattung, wenn jemand bei einer Kontrolle nicht mit sich reden liess und die staatlichen Vorgaben unnachgiebig durchsetzte? War es nicht vielmehr so, dass die Medien solche Sturheit oft und gerne als Beleg für den pedantischen, schikanösen Charakter der Bürokratie anführten?
Wer also trägt welche Verantwortung für welche Entscheide? Wer hat jenen den Rücken gestärkt, die sich für unsere Sicherheit einsetzen? Wer hat sich politisch für ausreichende Ressourcen eingesetzt? Kurz: In welchem System von Macht, Abhängigkeit, Ideologie und politischen Entscheiden konnten die Voraussetzungen entstehen, die zu dieser Katastrophe geführt haben?
Wir brauchen guten Journalismus
Die Schuldigen sollen von den Gerichten eine angemessene Strafe erhalten. Die Verantwortlichen im System hingegen müssen dank seriöser Medienarbeit von der Gesellschaft zur Rechenschaft gezogen werden. Denn nur so werden irgendwann genügend Ressourcen für den Brandschutz zur Verfügung stehen. Doch solche Medienarbeit hat ihren Preis: Es braucht Journalist:innen, die Zeit bekommen, Mut haben, dazu über Dossierkenntnisse verfügen und ein historisches Gedächtnis besitzen.
Den Opfern und ihren Angehörigen kann man den Schmerz nicht nehmen. Es bleibt in solchen Situationen nur ein kleiner Trost: Möge das erlittene Leid wenigstens dazu führen, dass künftiges Leid verhindert wird. Verhindern tun wir eine Wiederholung aber nicht, wenn wir auf Schuldige zeigen. Verhindern tun wir die Wiederholung erst, wenn wir die Verantwortlichen benennen und damit Veränderungen im System bewirken. Genau dafür brauchen wir guten Journalismus.
Bild: Zeichen des Gedenkens auf dem Münsterhof in Zürich (PD)

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