Damit eine Gesellschaft funktioniert, müssen sich ihre Mitglieder ernst- und wahrgenommen fühlen. Und doch fühlen sich gerade Kinder und Jugendliche oft nicht gehört. Dass sich das ändert, ist im Interesse der gesamten Gesellschaft! Ein grosser und wichtiger Schritt in diese Richtung ist das Bestreben unserer Direktion der Justiz und des Innern, im Kanton Zürich eine kinderfreundliche Justiz aufzubauen.
Jugendgewalt und Jugendkriminalität stossen in der Öffentlichkeit auf viel Resonanz. Das ist verständlich – schliesslich ist das Wohlergehen unserer Kinder und Kindeskinder uns allen ein grosses Anliegen.
Dass jugendliche Gewaltausbrüche reflexartig zu einer Diskussion über das Jugendstrafrecht führen und zuverlässig Vorstösse für eine Verschärfung dieses Strafrechts auslösen: Dafür habe ich hingegen weniger Verständnis. Erstens, weil wir über ein gutes Jugendstrafrecht verfügen. Es gibt der Jugendanwaltschaft eine breite Palette von Möglichkeiten, um mit einem jugendlichen Straftäter arbeiten zu können – immer mit dem Ziel, ihn auf den «richtigen» (das heisst: auf einen delikt- und gewaltfreien) Weg zu bringen. Unser leitender Oberjugendanwalt Roland Zurkirchen hat das jüngst in einem TV-Talk gut auf den Punkt gebracht.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt: Eine Diskussion über jugendliche Delinquenz, die nur auf das Jugendstrafrecht fokussiert, greift zu kurz. Deshalb finde ich das Interview so wichtig, das die NZZ unlängst mit dem Jugendarbeiter Marco Bezjak geführt hat.
Das Interview behandelt das Thema Jugendgewalt und Jugendkriminalität in einem grösseren Rahmen: Es blickt auf die Umstände und Bedingungen, unter denen Teenager heute aufwachsen. Der befragte Jugendarbeiter redet dabei jugendliches Fehlverhalten keineswegs schön, aber er ermöglicht eine differenziertere Wahrnehmung, indem er auch die Erwachsenenwelt in die Pflicht nimmt.
Nonkonformität unerwünscht
So sagt Marco Bezjak im Interview: «Jugendliche sind willkommen, solange sie nicht stören. Die Jugendphase ist aber eine Phase, während der es gerade darum geht, auch nicht konform zu sein.» Diese Nonkonformität sei bei Anwohnern und Behörden oft unerwünscht, weshalb es schwierig sein, für Jugendliche Freiräume zu finden.
Jugendliche seien jedoch auf solche Freiräume angewiesen. Der Jugendarbeiter stellt fest, dass Teenager in ihrem Verhalten oftmals «gar nicht ernst genommen» würden, was dazu führe, dass sie sich unerwünscht fühlten, was wiederum Konfliktverhalten fördere.
Ich glaube, Jugendarbeiter Bezjak spricht damit den zentralen Punkt aus: Es ist ganz entscheidend, dass wir die Jugendlichen, ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten ernst nehmen – und zwar nicht erst dann, wenn junge Menschen mit ihrem Verhalten Grenzen überschritten haben und mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind.
Grenzüberschreitungen kennen wir auch unserer Jugend. Oft erzählen wir heute davon mit einem gewissen Stolz. Und vergessen dabei nicht selten: Unsere Streiche mögen aus heutiger Sicht harmloser gewesen sein. Als Störung der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse waren sie aber mindestens so heftig.
Grenzüberschreitungen sind Störungen und Appelle zugleich. Wir sollten sie weder verharmlosen noch rechtfertigen. Wir sollen sie als das lesen, was sie immer waren und heute noch sind. Ein Experimentierfeld zur Suche der eigenen Identität und ein Überprüfen der Akzeptanz: Bin ich auch noch geliebt, wenn ich mich nicht von der Schoggiseite zeige? (Übrigens: Auch Kleinkinder prüfen das in der Trotz- und Nein-Phase.)
Um diese Phasen für alle Seiten gut zu überstehen, ist es richtig und wichtig, dass Jugendlichen das bekommen, was wir alle brauchen und auf was wir alle Anspruch haben: das Gefühl, in unserer Gesellschaft willkommen zu sein; das Gefühl, dazuzugehören; das Gefühl, ernst genommen zu werden – auch und gerade wenn schlechtes Wetter ist.
Teilhabe ist Prävention
Aus diesem Grund ist mir die Förderung der Teilhabe so wichtig. Alle, die hier leben, sollen sich als Teil unserer Gesellschaft fühlen und sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen können. Es handelt sich dabei auch um einen Präventionseffort. Je stärker sich jemand zugehörig fühlt, je mehr sich jemand mit der Gesellschaft, in der er lebt, identifiziert, umso eher akzeptiert und befolgt er deren Regeln.
In diesem Zusammenhang steht auch das Projekt Child-friendly Justice, das wir in der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich am Umsetzen sind. Wir haben jüngst an einer Medienkonferenz darüber berichtet (unter anderem mit diesem Echo).
Unser Ziel ist, dass alle Einheiten unserer Direktion, die Verfahren führen, in die Kinder involviert sein können, dem Anspruch der Kinderfreundlichkeit genügen. Es handelt sich bei diesen Einheiten um die Staatsanwaltschaft, die Jugendstrafrechtspflege, Justizvollzug und Wiedereingliederung, das Gemeindeamt sowie die Kantonale Opferhilfe. Je nach dem können die betroffenen Kinder als Täter, Opfer, Zeuginnen oder Angehörige an einem Verfahren beteiligt sein.
Kinderombudsstelle unterstützt
Aber was ist mit einer «Child-friendly Justice» überhaupt gemeint? Zu einer kinderfreundlichen Justiz gehören unter anderem das Bemühen, dass Verfahren mit beteiligten Kindern möglichst rasch zum Abschluss kommen, ausserdem eine Sprache, die Kinder und Jugendliche verstehen, kinder- und familiengerechte Besuchsräume bei den Institutionen des Justizvollzugs oder Personal, das für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen geschult ist.
Ein Bericht, mit dem wir eine Bestandesaufnahme auf unserer Direktion durchgeführt haben, kommt zum Schluss: Bereits sind viele Massnahmen realisiert oder in Vorbereitung. Aber es gibt noch zu tun.
Für den weiteren Weg Richtung Child-friendly Justice haben wir uns nun Unterstützung geholt. Es freut mich sehr, dass wir die Ombudsstelle Kinderrechte Schweiz – sie ist punkto Kinderrechte die wohl kompetenteste und erfahrenste Institution der Schweiz – als Reviewerin gewinnen konnten. Die Ombudsstelle wird unsere weiteren Schritte überprüfen und uns auf Schwächen und Mängel aufmerksam machen.
Verantwortung wahrnehmen
Ich bin davon überzeugt, dass eine kindgerechte Justiz dazu beiträgt, dass sich Kinder und Jugendliche ernster genommen und damit akzeptierter fühlen. Mit unseren Massnahmen zeigen wir den jungen Menschen, dass sie uns auch dann wichtig sind, wenn mal etwas schief läuft. Und wir zeigen ihnen, dass wir auf sie zählen und sie als wertvollen, wichtigen Teil unserer Gesellschaft schätzen.
Wir nehmen so eine Verantwortung wahr, die wir als Staat und Gesellschaft haben, nämlich bestmögliche Voraussetzungen zu schaffen, damit sich die nachfolgenden Generationen entfalten können.
Zu dieser Verantwortung gehört, dass wir jene Kinder und Jugendlichen ganz besonders unterstützen, die sich in einer anspruchsvollen Situation befinden – zum Beispiel in einem Justizverfahren.
Wenn es uns gelingt, die Verfahren so zu gestalten, dass sich die Betroffenen ernst genommen und gehört fühlen, dann stärken wir die Persönlichkeit dieser Menschen.
Sie gewinnen Vertrauen in sich selbst, aber auch in die Institutionen des Staats und werden so zu starken und resilienten Mitgliedern der Gesellschaft.
Bild: Das Wohlergehen unserer Kinder und Kindeskinder ist uns allen ein grosses Anliegen. (Quelle PD)

Die Anzahl der Anzeigen von 10–14‑Jährigen hat sich in den letzten Jahren nahezu verdoppelt, in Österreich 48 % der Tatverdächtigen im jüngeren Bereich sind Nicht‑Österreicher, davon viele syrische Jugendliche, deren Fallzahlen seit 2020 um etwa das Zehnfache stiegen. Einige Extrem‑Intensivtäter bringen es auf über 150 Straftaten pro Monat, drei Personen allein auf je 900–1.200 Anzeigen. Diese galten für 28 % aller tatverdächtigen Jugendlichen
Beobachtungen in Städten: Jugendbanden und Gruppen, teils bereits unter 14, treiben in Städten wie Wien ihr Unwesen: Raub, Vandalismus, aggressive Provokation – häufig soziale Gruppen mit starkem Außenseiter-Mentalität
Ursachen & Ansatzpunkte: Fehlende soziale Stabilität, traumatische Hintergründe, fehlende schulische Perspektiven und Gruppenzwang treiben junge Menschen in kriminelles Verhalten . Die Experten warnen vor Stigmatisierung: Der Großteil der Jugendlichen bleibt unauffällig, nur eine kleine Minderheit handelt gewalttätig oder strafbar, das ist der positive Konsens. Maßnahmen setzen verstärkt auf pädagogische und therapeutische Interventionen – statt Strafmündigkeitsalter senken, sollte strukturell unterstützt werden, dafür gibt es einige Modelle. Hab dabei aktiv mitgearbeitet.