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Wie werden wir verantwortungsbewusst?

21. September 2020 5 Kommentare

Grosse Herausforderungen – ob Corona oder die Klimakrise – meistern wir nur, wenn sich die Menschen verantwortungsbewusst verhalten. Wie kommen wir dorthin? Ein inspirierendes Buch gibt Antworten.

Seit rund einem halben Jahr begleitet uns das Corona-Virus durchs Leben – und mit ihm die Frage, was wir, was Sie und ich dazu beitragen können, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.

Die Frage treibt mich um, weil sie zu einem Schlüsselthema der Gegenwart führt: zu unserem Umgang mit Verantwortung. Denn egal, ob es um Corona oder um andere – ungleich grössere! – Herausforderungen wie den Klimawandel geht: Unsere Erfolgsaussichten stehen und fallen damit, ob wir willens und fähig sind, uns verantwortungsbewusst zu verhalten. Ob wir also in der Lage sind, uns aus Einsicht und Vernunft so zu verhalten, dass wir niemandem schaden – weder uns selber noch unseren Mitmenschen noch der Umwelt.

Eigenverantwortung ist ein politischer Kampfbegriff, der bevorzugt von rechts als Gegenstück zur Solidarität ins Feld geführt wird. Für mich heisst Eigenverantwortung aber etwas anderes, und darum geht’s es mir hier: Eigenverantwortung ist für mich die Bereitschaft, Verantwortung für sich selber wie auch für andere zu übernehmen. Eigenverantwortung steht für mich nicht im Widerspruch zur Solidarität, sondern im Widerspruch zur Delegation der Verantwortung an den Staat, an den Chef oder an sonst eine Obrigkeit.

Doch wie erreichen wir diese Form der solidarischen Eigenverantwortung?

Wieviel Freiheit, wie viele Regeln?

Die Frage führt mich zum «Ende der Illusionen», zum Buch des deutschen Soziologen Andreas Reckwitz. Das Buch hat mich inspiriert (andere offenbar auch – mit einiger Belustigung habe ich gelesen, es gebe unter deutschen Politikerinnen und Politikern die Neigung, bei Zoom-Interviews das Reckwitz-Buch beiläufig-demonstrativ ins Bild zu rücken).

Reckwitz erzählt die jüngere Geschichte der westlichen Welt anhand einer Abfolge von so genannten Paradigmen, also anhand von Grosstendenzen, welche die Politik auf linker wie auf rechter Seite geprägt haben. Dabei geht es bei diesen Grosstendenzen im Kern immer um das Verhältnis zwischen Freiheit und Regeln – beziehungsweise um die Frage, wie viel Regulierung nötig und wie viel Freiheit möglich ist.

Die erste Phase – sie begann in den USA in den 30er-Jahren, in Europa nach dem Krieg – war geprägt vom Bedürfnis nach Regeln. Es war eine Zeit, in der man es gerne ordentlich hatte, und zwar in allen Lebensbereichen und allen politischen Lagern. Ob im skandinavischen Wohlfahrtsstaat, ob im deutschen Konservatismus, ob in meiner Kindheit in Elgg am Ostrand des Kantons: Überall ging es darum, mit Regeln Ordnung zu schaffen.

Fürs Verantwortungsbewusstsein war das kein gutes Biotop. Je zahlreicher die Regeln, desto stärker folgt man dem Kompass der Regeln und Konventionen und nicht dem Kompass der persönlichen Verantwortung. 

Individualisten und Populisten

Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre, schlitterte die Ära der Ordentlichkeit in die Krise. Die Regeln wurden zunehmend als einschnürend empfunden. Es formierte sich Widerstand – am sichtbarsten in der 68er-Bewegung. Und so kam es zur schrittweisen Ablösung durch ein neues Paradigma, das auf den Defiziten des alten aufbaute. Die neue Zeit stand im Zeichen von Dynamisierung und Liberalisierung. Nun ging es um Deregulierung und (ökonomische, politische, gesellschaftliche) Öffnung, was sich auf der rechten Seite als Neoliberalismus, auf der anderen als Linksliberalismus manifestierte.

Für das Verantwortungsbewusstsein war auch diese Ära nicht ideal. Denn zum Wesen des forcierten Liberalismus gehörte ein ausgeprägter Individualismus, wobei sich dieser in verschiedenen Typen abbildete: im neoliberalen Typen, der sich als Maximierer seines eigenen Nutzens verstand, und im linksliberalen Typen, der selbstbewusst seine persönlichen Rechte gegenüber anderen einforderte. Die Gesellschaft als Ganzes hatte keiner von beiden im Fokus.

Dann – nach Reckwitz um 2010 – geriet auch diese Phase in die Krise. Populistische Bewegungen feierten Erfolge. Die Schweiz sprach sich für ein Minarettbauverbot aus, Grossbritannien für den «Brexit» und die USA für Donald Trump.

Stehen wir also am Anfang der Ära des Populismus? Nicht, wenn es nach Soziologe Reckwitz geht: Für ihn sind die populistischen Eruptionen der jüngeren Vergangenheit nicht Vorboten des neuen Paradigmas, sondern vielmehr Symptome der Krise des alten: Reaktionen auf den hyperglobalisierten, überdynamisierten Liberalismus, der zu verschärfter Ungleichheit und vielen Verlierern geführt hat.

Geht es nach Reckwitz, wird das neues Paradigma eine Art Mischung aus den beiden vergangenen sein. Reckwitz spricht vom «eingebetteten Liberalismus» – man könnte auch von einem eingegrenzten oder geregelten Liberalismus reden. Dieser möchte weder die gesellschaftliche noch die wirtschaftliche Dynamik brechen, aber er will sie in Rahmenbedingungen einbetten.

Corona-Erkenntnisse

Was die Ausführungen von Reckwitz so faszinierend macht, ist der Umstand, dass die von ihm beschriebenen Herausforderungen, vor denen der eingebettete Liberalismus steht, sich wie eine Auseinandersetzung mit den Corona-Folgen lesen. Und dies, obschon das Buch bereits 2019 erschienen ist. Drei dieser Herausforderungen haben mir besonders zu denken gegeben.

Erstens, so Reckwitz, müsse der eingebettete Liberalismus eine Antwort geben auf die soziale Ungleichheit, die sich in den vergangenen Jahrzehnten verschärft habe. Es müsse eine Antwort auf die materielle Ungleichheit sein, aber auch – und diesen Aspekt betont er stark – auf das Gefühl der Geringschätzung und Entwertung, das in erheblichen Teilen der Bevölkerung herrsche.

Wie wichtig gerade der zweite Aspekt ist, hat uns Corona überdeutlich vor Augen geführt: Die dramatischen Wochen im März machten klar: Das Funktionieren unseres täglichen Lebens hängt von jenen Menschen ab, die oft vergessen gehen und die wir kaum sehen – den Menschen, die unseren Abfall wegtransportieren, die Regale in den Lebensmittelläden auffüllen, Güter durch die Schweiz transportieren und hinter der Kasse keine Miene verziehen, wenn wir ihnen nicht mal in die Augen schauen.

Dazu verhalf Corona einem neuen Wort zum Durchbruch: dem Wort von den systemrelevanten Berufen. Wobei nicht nur der Begriff die Runde machte, sondern auch die Erkenntnis, dass es ausgerechnet die Angestellten in diesen Berufen sind – das Gesundheitspersonal, die Kita-Angestellten, das Reinigungspersonal –, die mit tiefen Löhnen und wenig gesellschaftlichem Ansehen kämpfen.

So spricht mir Andreas Reckwitz aus dem Herzen, wenn er einen neuen Gesellschaftsvertrag fordert, der ausdrücklich anerkennt, dass alle Tätigkeiten gesellschaftlich gleichermassen notwendig sind. Wirklich nachhaltig mildert ein solcher Vertrag die sozialen Unterschiede aber nur, wenn er konkrete Wirkung entfaltet – also am einen Ende der Skala soziale Verbesserungen ermöglicht und am anderen Lohnexzesse verhindert.

Widerstand als Segen

Zweitens brauche es in der Ära des geregelten Liberalismus eine Antwort auf den neoliberalen Privatisierungsrausch, nämlich ein wieder-erstarktes Bewusstsein für eine Wirtschaft des Gemeinwohls – man könnte auch sagen: für den Wert einer leistungsfähigen öffentlichen Infrastruktur. Viele einst öffentliche Infrastruktureinrichtungen – im Verkehrs-, Gesundheits-, Bildungsbereich… – wurden in den letzten Jahrzehnten dem Markt ausgesetzt. Mit der Konsequenz, dass sich der Zugang zu den Leistungen verteuerte. Und dass vernachlässigt wurde, was in staatlicher Hand verblieb.

Erneut lohnt sich der Blick aus der Corona-Perspektive: Dass unser Gesundheitswesen die Pandemie derart gut meistert, liegt auch an seinem starken, öffentlichen Status. Beispiele anderer Länder zeigen, wo wir stünden, wenn die Privatisierer in unserem Gesundheitswesen mehrheitsfähig geworden wären. Corona dürfte allen klargemacht haben: Wir sollten jenen politischen Kräften (konkret: den Linken), die mit Referenden und anderen Mitteln beharrlich gegen Deregulierungen und Privatisierungen gekämpft haben, sehr dankbar sein. Unser starker Service Public ist ein robuster Krisenschutz.

Verantwortung gibt’s nicht gratis

Drittens mahnt Reckwitz, uns nicht länger egozentrisch auf uns selbst zu fokussieren und unablässig einzig unsere Rechte einzufordern, wie das für die liberalistische Ära typisch war. Die Gesellschaft brauche Menschen, die wüssten, dass sie neben Rechten auch Pflichten hätten, dass sie eine Mitverantwortung für die Gesellschaft tragen würden und dass es ein Miteinander von eigenen und anderen Interessen brauche.

Und nochmals die Corona-Perspektive: In der Schweiz gab es während des Lockdowns zu keinem Zeitpunkt eine Ausgangssperre – weil sich jeder und jede aus Einsicht richtig verhielt. Gefragt, weshalb sie dies täten, hat die grosse Mehrheit geantwortet: aus Rücksicht auf die eigene Gesundheit, aber auch auf die Sicherheit von verletzlichen Personen. Das zeigt, dass das Bewusstsein um die gesellschaftliche Mitverantwortung bei uns gross und breit verankert ist. Es zeigt auch, dass dieses Verantwortungsbewusstsein verlässlich abgerufen werden kann – sofern eine konkrete Bedrohung herrscht.

Fehlt dieses konkrete Bedrohungsgefühl, schwindet die Verantwortung aber rasch.

Damit komme ich zurück zur Ausgangsfrage: Was braucht es, damit die Menschen nachhaltig Verantwortung übernehmen – für die Mitmenschen, für die Umwelt und sich selber?

Hier liegt für mich das grosse Verdienst von Andreas Reckwitz. Er zeigt auf, dass ein solches Verantwortungsbewusstsein nicht von selbst kommt und nicht gratis ist. Er zeigt aber auch auf, dass ein solches Verantwortungsbewusstsein möglich ist und gestärkt werden kann.

Allerdings müssen dazu – gerade auch mit Blick auf die aktuelle Situation – einige Bedingungen erfüllt sein. Die wichtigsten sind:

  1. Es braucht gesellschaftliche Vorbilder aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, die vorleben, dass wir alle nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben.
  2. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der sich alle aufgehoben, wahrgenommen und respektiert fühlen. Und mit der sich möglichst viele identifizieren können.
  3. Wir brauchen neben unserer Individualität Gemeinsinn und Engagement für unser gesellschaftliches Fundament.
  4. Wir brauchen Ehrlichkeit, Transparenz und die Bereitschaft zur kritischen Diskussion. Nur so kommen wir in die Lage, unsere blinden Flecken zu erkennen.
  5. Wir brauchen mehr Zwischentöne und Behörden, die auf den verantwortungsbewussten Menschen bauen.

Für eine Gesellschaft des Respekts

Womit ich ins Feld der Politik gelange: Wir Politikerinnen und Politiker müssen mit Dringlichkeit und Entschlossenheit auf eine Gesellschaft des Respekts, des stärkeren Gemeinsinns, der Balance zwischen Rechten und Pflichten sowie des kritischen Diskurs’ hinarbeiten.

Konkretisieren lassen sich diese Werte in einem Gesellschaftsvertrag, der gegen Ungleichheit und Entwertung antritt, indem er die Lohnunterschiede verringert. Und mit einem Service Public, zu dessen Leistungen – namentlich zu einem starken Gesundheitswesen, einer verlässlichen Kinderbetreuung und guten Bildungseinrichtungen – jeder und jede Zugang hat.

Corona zeigt, dass komplexe Krisen nicht behördlich gemanagt werden können. In der Krise ist der Staat auf uns angewiesen. Corona macht damit deutlich, dass kein Weg am Verantwortungsbewusstsein vorbeiführt. Corona macht aber auch deutlich, wie dieses Verantwortungsbewusstsein gefördert – oder aber zerstört – werden kann.

Wenn wir von Corona diese Erkenntnisse mitnehmen, haben wir als Gesellschaft einen grossen Schritt gemacht – und dürfen mit mehr Zuversicht in die Zukunft blicken. Denn nach Corona ist vor der nächsten Herausforderung, dem Klimawandel!

Bild: Eigenverantwortung steht nicht im Widerspruch zur Solidarität. Es braucht beide zusammen – ob in einem Orchester oder überhaupt im Leben. (Quelle: Pixabay)

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Kategorie: Blog Tags: Push

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Kommentare

  1. Staub schrieb

    21. September 2020 um 17:52

    Es geht um die auf die Gemeinschaft ausgerichtete Eigenverantwortung. Den Vergleich mit einem Orchester finde ich sehr treffend. Auf einander hören ist beim gemeinsamen Musizieren auch in kleiner Formation das A und O.

    Antworten
  2. Prof.em. Rupert Moser schrieb

    21. September 2020 um 18:39

    Die Abbildung vom Orchester finde ich etwas unglücklich, da die Musizierenden hier noch ohne Schutz eng beisammen sitzen. Zum Text: voll einverstanden.

    Antworten
  3. Iustin Pop schrieb

    22. September 2020 um 21:40

    Sehr gut gesagt, aber leider schwierig zu erreichen. Dann zu akzeptieren dass wir auch Pflichten haben, und Eigenverantwortung, ist eine Frage von Kindheit bis zum Erwachsenwerden und eben Eltern werden, und danach weiter zu seine Kindern weitergeben. Und das ist ein lebenslanges Arbeit…

    Antworten
  4. Nik Brunner schrieb

    1. Oktober 2020 um 18:18

    Liebe Frau Fehr
    Würde gerne von Ihnen wissen wie‘s weitergeht in der Coronasache. Inzwischen kann man ja die wöchentlichen Toten (an und mit) bald an 2 Händen ablesen und die hospitalisierten an Covid19 summierten sich in der Woche 38 auf 66 Personen. Ich frage mich warum die Entscheidungen nicht aufgrund der aktuellen Situation getroffen werden, denn die ist m.E. nicht kritisch. Ich frage mich auch ob sich der Regierungsrat der grossen Verantwortung betr. Massnahmen bewusst ist? Vielleicht sehe ich das ja alles falsch, dann würde ich mich über eine Aufklärung freuen. MfG

    Antworten
  5. Daniela schrieb

    22. November 2020 um 14:13

    Danke für diesen Literaturhinweis. Meine persönliche Erfahrung und Hoffnung zur Frage: „wie werden wir verantwortungsbewusst?“ deckt sich mit diesen Ausführungen. Wenn wir einander zuhören. Erst das Verstehen der Perspektive meines Gegenübers bringt mir meine Verantwortung ins Bewusstsein und ermöglicht mir zu erkennen, wie ich handeln kann oder muss. Das ist nach meinem Verständnis der Kernansatz einer Mediation.

    Persönlich wünsche ich mir, dass diese Haltung und Methode vermehrt in Politik und Verwaltung ihre Wirkung entfalten kann. Das wird ein langer Weg, der uns aus einer Spaltung in ein kooperatives Miteinander führen kann. Herausfordernd ist er, weil er bestehende Machtverhältnisse in Frage stellt (vgl. Tendenz zu Selbstführung/Soziokratie/New Work in Organisation). Gerade in einer Krise werden wir uns früher oder später mit existenziellen Fragen auseinander setzen. Diese Auseinandersetzung ist aber auch eine Chance, welche die Transformation der Gesellschaft in eine neue Ära ermöglicht. Eine Ära, in der Eigenverantwortung und Solidarität sich nicht ausschliessen, sondern kooperieren.

    Ich bin zuversichtlich, dass dieser Wandel möglich ist. Warum? Weil ich weiss, dass die Politik nur ein Spiegel des Umgangs miteinander in meinem eigenen (privaten wie beruflichen) Umfeld ist. Wenn ich sowohl der Perspektive des Menschen, der Angst vor dem Virus und seinen Folgen hat, als auch die Sicht desjenigen, der sich um die Demokratie und seine individuelle Freiheit sorgt, erkenne, kann eine für alle Beteiligten bedürfnisgerechte Lösung gefunden werden. Dafür wünsche ich mir einen Rechtsrahmen, der das ermöglicht oder sogar fördert. Transparenz ist dabei eine Grundbedingung, um die bestehenden Rollen- oder Machtverhältnisse besser zu verstehen. Beginnen wir bei Offenheit und Ehrlichkeit, um verantwortungsbewusst zu werden und Eigenverantwortung anderer zu erfahren.

    Antworten

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